Sex mit dem:der Ex: 3 Frauen erzählen, was danach passierte

Foto: Meg O'Donnell
Laura wusste, dass ihre kurze Beziehung mit ihrem Kollegen Jack vorbei war, als er ihr eines Abends im U-Bahnhof gestand, dass er noch in seine Ex verliebt sei. Sie weiß noch, wie sie daraufhin schluchzend im Bett lag, während ihr ihre Mitbewohnerin tröstend den Kopf tätschelte. Und sie erinnert sich noch ganz genau an das unendlich unangenehme Gespräch mit ihrem Vorgesetzten, als sie am nächsten Tag kündigte. 
Und trotzdem: Als Jack ihr drei Monate später schrieb, ob sie Lust auf einen Drink mit ihm hätte (hach ja, 2019, als man noch in Bars durfte! Verrückt), sagte sie zu – und zog sich einen roten Spitzentanga an, bevor sie ihn traf. „In meinem Kopf sagte ich mir immer wieder: ‚Er ist ein Arsch, ich will das gar nicht.‘ Aber gleichzeitig wollte ich auch wissen, ob er mich noch wollte, und ob ich noch was für ihn empfand“, erklärt sie das heute.
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Lauras Neugier, ob die Chemie zwischen ihr und Jack noch stimmte, ist nur einer von unzähligen Gründen dafür, warum Leute nach der Trennung mit ihren Ex-Partner:innen im Bett landen. Und so überraschend ist das wohl gar nicht; schließlich sind wir dank Social Media und Co. quasi dazu gezwungen, die Leben unserer Verflossenen auch noch lange nach der Trennung zu verfolgen (und mal ehrlich, ein bisschen gestalkt haben wir alle schon mal). Und insbesondere iPhones scheinen einen sechsten Sinn dafür zu haben, uns genau dann einen Foto-Rückblick aus verliebten Zeiten vor die Füße zu spucken, wenn wir uns gerade besonders melancholisch fühlen. Aber ist es überhaupt clever, so in alten Wunden zu stochern?
„Sex mit dem oder der Ex hat zwei mögliche Konsequenzen“, meint die Dating- und Beziehungsexpertin Sarah-Louise Ryan. „Entweder bestätigt er dir, dass der Funke zwischen euch inzwischen erloschen ist – oder eine:r von euch beiden bemerkt dabei, dass da doch noch Gefühle sind. Die Intimität beim Sex haucht eurer emotionalen Verbindung vielleicht fälschlicherweise neues Leben ein. Obwohl du vielleicht einfach nur lockeren Spaß haben wolltest, wirst du schnell feststellen, dass dabei viele alte Gefühle wieder hochkommen. Sex mit deinem Ex-Partner bzw. deiner Ex-Partnerin ist eine vorübergehende Lösung für den körperlichen und emotionalen Schmerz nach einer Trennung, die sich so viele wünschen, um mit der Person abschließen zu können.“

Er versuchte es mit Dirty Talk, und das fand ich echt peinlich. Außerdem war ich oben und musste den Großteil der Arbeit machen. Am nächsten Tag bereute ich alles.

Laura
So lief es auch bei Laura und Jack. Nach einem etwas verlegenen Anfang ihres  Treffens fielen sie nach ein paar Gläsern Wein schnell wieder zurück in alte, flirty Verhaltensmuster – und landeten schließlich in Jacks Schlafzimmer. 
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Während Laura zwar meint, der Sex sei „gut“ gewesen, brachte er sie doch wieder zur Besinnung; denn Jack war nicht mehr so sanft und liebevoll wie früher. „Er versuchte es mit Dirty Talk, und das fand ich echt peinlich“, lacht sie. „Außerdem war ich oben und musste den Großteil der Arbeit machen. Am nächsten Tag bereute ich alles – vor allem, als ich erfuhr, dass er inzwischen mit einer anderen Kollegin was hatte und sein Handy bei unserem Treffen auf lautlos gestellt hatte, damit sie ihn nicht nerven konnte. Das bestätigte mir nur wieder, dass er ein Arschloch ist. Wir hatten seitdem keinen Kontakt mehr.“
Aoife* ging es ähnlich, als sie „Abschieds-Sex“ mit ihrer Exfreundin Stephanie* hatte. Die beiden hatten zwei Jahre lang eine stürmische, intensive Beziehung geführt. Nachdem sich ihre Eltern plötzlich getrennt hatten, brauchte Aoife (die gerne mit Stephanie befreundet bleiben wollte) jemanden zum Reden – und ihr eigentlich platonisch gemeintes Wiedersehen führte zum Sex. 
„Ich traf mich nicht mit ihr, um Sex zu haben – aber das kennt man ja: Du machst eine schwere Zeit durch und sehnst dich dann nach der Person, bei der du dich am wohlsten fühlst“, erklärt Aoife. „Beim Treffen versuchte ich echt, mich zusammenzureißen – aber als sie mich dann umarmte und küsste, konnte ich mich nicht zurückhalten. Dabei wusste ich ja eigentlich, dass das falsch war – aber es fühlte sich einfach so richtig an. Das ist immer noch der beste Sex, den ich je hatte. Das war irgendwie eine heilende Erfahrung.“
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Und ja: Trennungssex kann sich gut anfühlen – wenn nicht sogar besser als während der Beziehung, meint auch Sarah-Louise. „Sex schüttet diese ganzen Glückshormone im Gehirn aus, die Schmerzen lindern können“, erklärt sie. „Beim Orgasmus wird Dopamin freigesetzt; das sorgt wiederum für Leidenschaft, Motivation und Freude. Es ist leicht, diese Gefühle dann auf die andere Person zu beziehen.“

Sex gibt uns ein gutes Gefühl – aber beim Sex mit dem oder der Ex sind die Gefühle danach das Problem.

Sarah-Louise Ryan
„Wenn wir mit jemandem körperlich und emotional intim werden, sind wir  sehr verletzlich – vor allem, wenn unsere gemeinsame Zukunft unsicher ist. Das lässt viel Freiraum für gemischte Gefühle. Vielleicht haben wir dann das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, und zerbrechen uns darüber den Kopf, wie wir weitermachen sollten“, sagt Sarah-Louise. „Kurz gesagt: Sex gibt uns ein gutes Gefühl – aber beim Sex mit dem oder der Ex sind die Gefühle danach das Problem. Die meisten sind danach verwirrt, unsicher oder wünschen sich noch mehr körperliche Nähe.“
Das Danach war auch für Aoife der schwere Part. Sie hoffte, Stephanie und sie könnten am nächsten Morgen darüber sprechen, was zwischen ihnen passiert war. Tatsächlich wurde sie aber schnell daran erinnert, warum sie sich überhaupt getrennt hatten, als Stephanie am nächsten Morgen einfach abhaute. „Sie meinte, sie sei gleich wieder da, kam aber erst am Abend zurück“, erzählt Aoife. „Ihre Ausrede dafür war auch dumm: Sie meinte, sie hätte sich mit einem Musikproduzenten getroffen, der sie für ein Video casten wollte. Da musste ich einfach lachen; das hörte sich so absurd an.“
„Am selben Abend trank sie dann ein bisschen zu viel und wurde sauer auf mich“, erzählt sie weiter. „Da wurde mir klar, dass wir uns im Kreis drehten – und dieser Kreis würde nie enden, wenn ich den Kontakt zwischen uns nicht abbrach. Ich schätze, irgendwie war der Sex für mich eine Art Denkanstoß, der mir klar machte, dass ich das hier einfach nicht mehr konnte.“
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Dabei sind natürlich nicht alle dieser Geschichten so deprimierend – zum Beispiel die von Kat*. Nach einer feucht-fröhlichen Nacht fühlte sich Kat besonders mutig und tauchte bei ihrem Ex Michael* zu Hause auf. Sie wusste, dass er alleine war, und beschloss, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Wir hatten uns sechs Monate vorher getrennt, hatten seitdem aber versucht, befreundet zu bleiben, weil wir so lange zusammen gewesen waren“, sagt Kat. „Ich hatte seitdem ein paar lockere Dates gehabt – aber verglichen mit Michaels und meiner Beziehung konnte da einfach nichts mithalten.“
Und obwohl Michael zwar überrascht reagierte, als Kat plötzlich vor seiner Tür stand, wurde es schnell ernst, nachdem Kat ihm sagte, was sie wollte. „Der Sex war echt gut“, erzählt sie. „Seit der Trennung war es mit keinem anderen Typen sonderlich befriedigend gewesen; Michael und ich kannten unsere Körper aber einfach so gut. Der Sex war sehr vertraut und irgendwie tröstend.“ Und obwohl sich Kat danach zwar fragte, ob sie das Richtige getan hatte, brachte der nächste Morgen Klarheit: Nach einer Tasse Tee und zwei Scheiben Toast unterhielten sich die beiden über ihre Gefühle und beschlossen, es nochmal miteinander zu versuchen. „Uns wurde einfach klar, dass wir etwas gegen unsere Trennungsgründe tun konnten. Wir waren uns einig, dass es uns die Mühe wert war“, meint Kat. 
Und auch Sarah sagt: Ein offenes, ehrliches Gespräch ist die beste Methode für weniger problematischen Trennungssex. „Viele stellen sich diesen Sex aber als eine Art ‚Abschluss‘ der Beziehung vor, als orgasmisches ‚Lebwohl‘ quasi“, meint sie. „Das kann so aber nur funktionieren, wenn der Kontakt danach ganz abgebrochen wird. Wir sollten nur in die Vergangenheit zurückschauen, um daraus zu lernen – was wir wollen, was wir nicht wollen.“
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Am Ende steht meistens eine:r von euch mit gebrochenem Herzen da – vor allem, wenn eine Hälfte vielleicht nur Lust auf etwas Körperliches hat.

Sarah-Louise Ryan
Trotz ihres Gesprächs war Kats und Michaels Reunion dann doch nur kurzlebig. Im folgenden Jahr trennten sich die beiden dann endgültig – aber Kat bereut nichts. „Einige sind der Meinung, wir hätten unsere Beziehung mit dem Sex nicht wieder aufwärmen sollen. Ich denke aber, dass er uns die Chance für einen ordentlichen Abschied gab. So konnten wir mit allem abschließen.“
Wie die Trennung selbst ist auch der Trennungssex selten ein sauberer Schnitt; mit beidem gehen meistens verletzte Gefühle, Unsicherheit und Trauer einher. Daher: Wenn du dich dabei ertappst, wie du dich durchs Instagram-Profil einer verflossenen Liebe scrollst und daraufhin ein nettes „Hey, Lust auf einen Kaffee?“ abschickst, solltest du dir sicher sein, dass du für die emotionalen Konsequenzen bereit bist.
„Ist es jemals eine gute Idee, mit jemandem zu schlafen, den oder die du mal geliebt hast?“, fragt Sarah. „Am Ende steht meistens eine:r von euch mit gebrochenem Herzen da – vor allem, wenn eine Hälfte vielleicht nur Lust auf etwas Körperliches hat. Das kann schwierig werden, weil dabei die Grenzen zwischen euch verschwimmen.“
Sarahs Fazit ist jedenfalls eindeutig: „Sex mit einem oder einer Ex kann eine vorübergehende Verschnaufpause von den Schmerzen einer Trennung sein. Aber für jedes positive Beispiel kann ich dir hundert negative Geschichten erzählen, wo der Sex überhaupt nicht geholfen hat – sondern einer oder beiden beteiligten Personen sogar noch wehgetan hat.“
*Namen wurden von der Redaktion geändert

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