Body Positivity ist viel mehr als ein Hashtag. Für mich ist es eine Community

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich mich für meinen Körper zu schämen hatte. Ich war damals zehn Jahre alt und aß in meiner Schulkantine zu Mittag. Eine andere Schülerin war gerade dabei, lauthals vor allen zu verkünden, dass sie „nie so dick wie ihre Mutter sein wollte“. Dabei kam mir mein eigener Körper in den Sinn. Plötzlich wollte ich nichts lieber, als im Boden zu versinken.
Ich war damals bereits dick und kann daher nicht behaupten, dass ich diesen Wunsch nicht vorher schon mal gehabt hätte. Mir fiel auf, welche wichtige Rolle die Themen Aussehen und Gewicht für meine Altersgenossen spielten. Langsam begann auch ich, mich zwanghaft mit meinem eigenen Körper zu beschäftigen. Während meine Figur mich davor nicht besonders interessiert hatte, drehten sich meine Gedanken jetzt viel zu sehr um meinen Körper. Im Laufe der Zeit wurde ich immer unsicherer. Das wirkte sich natürlich negativ auf mein Selbstvertrauen aus, woran sich auch während des Großteils meiner Jugend nichts änderte.
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Zu Beginn meiner Teenie-Zeit tat ich alles Mögliche, um dünner zu wirken. Ich trug beim Schultanz Shapewear und log, wenn man mich nach meinem Gewicht fragte. Außerdem entschied ich mich dafür, mich ruhig und schüchtern zu geben, um nicht nur körperlich, sondern auch mit meiner Persönlichkeit ja so wenig Platz wie möglich einzunehmen. Das Internet verschlimmerte die negative Einstellung, die ich meinem eigenen Körper gegenüber sowieso schon hatte, bloß noch weiter. Auf Tumblr sah ich nichts anderes als dünne Körper und Thigh Gaps. Auf Twitter las ich, wie Miley Cyrus sich über ihre Schenkel beklagte. Auf jeder einzelnen Medienplattform wurde ich ständig daran erinnert, dass etwas mit meiner Figur nicht stimmte und mein Look nicht gefragt war.
Jahrelang waren in Zeitschriften nur dünne Frauen zu sehen. Artikel und Anzeigen drehten sich immer um die Frage, wie man in kürzester Zeit unglaublich viel abnehmen könne. Dicke Frauen wurden nur dann im Fernsehen gezeigt, um eine drastische Verwandlung zu dokumentieren, dank der sie endlich Liebe finden konnten, oder um sich über sie lustig zu machen. Damals war mir nicht klar, wie sehr mich all das beeinflusste. Kein einziges Mal fand ich es besorgniserregend, dass ich mich vor mir selbst – und übergewichtigen Körpern im Allgemeinen – ekelte. Diese Abneigung kam mir normal vor. Dann aber trat die „Body Positivity“-Bewegung in mein Leben und stellte alles auf den Kopf: Sie brachte meine Unsicherheiten und meinen Selbsthass ins Wackeln.
Das Konzept der „Körperpositivität“ ploppte vor weniger als einem Jahrzehnt plötzlich in den sozialen Medien überall auf. „Körperinklusivität“ und „Körperneutralität“ sind noch etwas neuere Begriffe, die aber nun auch Teil unseres Online-Vokabulars sind. Heute stolperst du andauernd und überall über Bilder, die mit #bodypositivity betitelt sind – und das sogar dort, wo früher extreme Dünnheit als Nonplusultra galt: Ende September schickte Versace drei Plus-Size-Models auf den Laufsteg. Noch im selben Monat zogen Übergrößen auch in die Kollektionen der Hochzeits-Brand BHLDN, der sporty Marke Lululemon und der nachhaltigen Mode von Christy Dawn ein. Dass sich die Modelandschaft in diese Richtung verändert, haben wir eindeutig der wachsenden Bekannt- und Beliebtheit der körperpositiven Bewegung in den sozialen Medien zu verdanken – und das zum Glück zu einer wichtigen Zeit in meinem Leben. Ich habe an eigenem Leib erfahren, wie dieses Konzept das Internet, die Modewelt und meine eigene Beziehung zu meinem Körper verändert hat.
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Als ich Instagram 2011 beitrat, war mein Feed noch voller Amateur-Fotos meiner Freund:innen, meistens in Form von Bildern von Hunden, Essen und Partys. Aber schnell erkannten auch Blogger, Marken und Promis, dass sich damit ordentlich Cash machen ließ. Es kam, wie es kommen musste – und schon bald war ich wieder ständig Fotos ausgesetzt, die hohe, sogar unerfüllbare Erwartungen an meinen Körper stellten. Ich war frustriert.
Und dann entdeckte ich eines Tages das Profil von Gabi Gregg. Damit änderte sich alles für mich. In ihrer Bio beschreibt Gregg sich selbst als „OG Fat Girl“ – und nichts hätte mich besser ansprechen können. Sie war die erste Person, die ich auf Instagram fand, die – obwohl sie nicht den allgemein verbreiteten Schönheitsidealen entsprach – völlig und unmissverständlich zu ihrer Figur stand. Ich bewunderte sie und wollte mehr über die Body Positivity-Bewegung und -Community erfahren.
Nachdem ich angefangen hatte, Gabbi zu folgen, tauchten immer mehr Plus-Size-Blogger auf meiner Explore Page auf. Mit der Zeit folgte ich immer mehr ähnlichen Accounts. So wurde auch mein Feed immer inklusiver und repräsentativer. Endlich sah ich Frauen, die aussahen wie ich. Sie hatten eine tolle Ausstrahlung und wirkten so selbstbewusst – all das, was ich für mich selbst nie für möglich gehalten hatte.
Ich bemerkte, dass ich mich mir und meinem eigenen Körper gegenüber viel liebevoller verhielt. Der ständige Druck und das Bedürfnis danach, abzunehmen, waren nicht mehr vorrangig. Ich begann zu erkennen, wie gefährlich der Diätenwahn ist, der überall herrscht. Außerdem wurde mir klar, wie sehr mein Medienkonsum für meine Unsicherheiten verantwortlich war. Ich beschloss, damit aufzuhören, Personen oder Brands zu folgen, die mich dazu brachten, mein Selbstwertgefühl infrage zu stellen. Ich fing damit an, einen Feed zu kuratieren, der sich Körperpositivität widmete und der Personen in den Vordergrund stellte, die so aussahen wie ich. Indem ich die Kontrolle übernahm, konnte ich eine Gemeinschaft schaffen, die mich dazu herausforderte, meine eigenen Gefühle der Unsicherheit zu hinterfragen und sie durch Gefühle des Vertrauens zu ersetzen.
Frühere Generationen von Teenagern hatten nicht die Möglichkeit, Zeitschriften-Cover oder Werbespots zu personalisieren. Die Option, das Ruder selbst in die Hand nehmen zu können, ist relativ neu. Sich aussuchen und auswählen zu können, wie dein Feed aussieht, kann gleichzeitig Segen und Fluch sein. Eine eigene Community aufzubauen, die unterschiedlich aussehende Menschen ins Rampenlicht rückt und die Bühne nicht bloß dem Mainstream überlässt, sollte nicht nur eine individuelle Verantwortung sein. In den Medien und dem öffentlichen Diskurs wird der Fettphobie- und Diätenwahn immer noch immens gepusht. Hätte ich die Plus-Size-Gemeinschaft nicht online entdeckt, würde ich meinen Körper wahrscheinlich bis heute nicht gut genug finden. Auch wenn das für mein zehnjähriges Selbst zu spät ist, bin ich froh darüber, dass andere Zehnjährige damit aufwachsen werden, sich nicht für ihre Körper schämen zu müssen. Heute kannst du Communitys gründen, die dich glücklich machen und deinen Selbstwert anerkennen. Du wirst sehen: Sobald dir das selbst passiert, wirst du dich so fühlen, als seist du endlich angekommen.
Die Schriftstellerin und Stylistin Ansley Morgan lebt in New York. Sie konzentriert sich auf Körperpositivität und deren Ausprägung in der Modewelt. Folg ihr doch auf Instagram: @ansleymorgan

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