Alles, was du über toxische Freundschaften wissen musst

Foto: Poppy Thorpe
„Als wir uns zum ersten Mal begegneten, zeigte sie mir viel Zuneigung und Interesse. Uns verband die gemeinsame Liebe zu Büchern und zum Schreiben“, erzählt Claire*, 27, als sie über eine Frau, die sie an ihrer Universität kennenlernte, spricht. „Sie war die erste Freundin, die ich je hatte. Es war ein tolles Gefühl, endlich die Freundschaft zu haben, nach der ich mich jahrelang doch so gesehnt hatte.“
Claire sagt, dass sie wegen ihres Autismus, der erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wurde und zu jahrelangen Depressionen, Ängsten und mehreren Suizidversuchen beigetragen hatte, immer schon Schwierigkeiten hatte, Freundschaften zu schließen. Ihre Freundin hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, was die beiden nur noch mehr verband und Claire dazu brachte, sich verpflichtet zu fühlen, die Bedürfnisse ihrer Freundin zu erfüllen. „Ich hatte das Gefühl, dass ich bei allem mitmachen musste, was sie wollte und alles tun musste, um sie glücklich zu machen.“
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Jetzt, zwei Jahre, nachdem sie wegen eines furchtbaren Streits beschlossen, getrennte Wege zu gehen, erkennt Claire, dass ihre Freundin ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit ausgenutzt und sie die ganze Zeit über manipuliert hatte: eine toxische Freundschaft, wie sie im Buche steht.
Der Begriff „toxisch“ wird oft verwendet, um romantische und familiäre Beziehungen zu beschreiben. Nur selten hören wir von toxischen Freundschaften mit Menschen, die zu narzisstischem, kontrollierendem oder missbräuchlichem Verhalten neigen.
„Eine toxische Freundschaft führt dazu, dass sich jemand verwirrt, schuldig, wütend, unsicher und unerfüllt fühlt“, erklärt die Beraterin und Mitglied der British Association for Counseling and Psychotherapy (BACP) Vasia Toxavidi. Sie verwendet das Akronym TOXIC, also das englische Wort für „toxisch“, um den Begriff zu definieren: Das T steht für „tiring“ (ermüdend), da eine toxische Freundschaft kräftezehrend sein kann. Das O steht für „obstructive“ (hinderlich), da sie oft deine persönliche Entwicklung behindert. Das X steht für „eXhausting“ (erschöpfend), da toxische Freund:innen dich mit ihrer Unzuverlässigkeit und ihren Forderungen ermüden, aber gleichzeitig nichts zurückgeben. Das I steht für „intimidation“ (Einschüchterung), da solche Freund:innen dich kritisieren und dir das Gefühl vermitteln, nicht gut genug zu sein. Das C steht für „conditional“ (bedingt), da sie oft Bedingungen für ihre Zuneigung schaffen, die auf ihren eigenen Bedürfnissen basieren.
Die Ursache für solch ein Verhalten sind Toxavidi zufolge oft unerfüllte Bedürfnisse, Neid, Schwierigkeiten, sich zu binden oder Angst davor, verlassen zu werden, die dann an den Tag kommen, wenn eine dritte Person wie Partner:innen hinzukommen.
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Eine toxische Freundschaft führt dazu, dass sich jemand verwirrt, schuldig, wütend, unsicher und unerfüllt fühlt.

Vasia Toxavidi
„Eine enge Freundin zu haben, die mich ständig niedermachte und sich nicht für mein Leben interessierte, zerstörte mein Selbstwertgefühl“, gesteht Claire. „Ich habe viel Zeit, Mühe und Geld in den Versuch gesteckt, ihr zu helfen, sie zu trösten und ihren psychischen Gesundheitszustand zu verbessern. Als nichts davon funktionierte, gab sie mir das Gefühl, dass ich nicht gut genug war und dass all ihre Probleme meine Schuld waren. Da ich sonst keine engen Freundschaften hatte, dachte ich, dass ich alles – wirklich alles – hinnehmen und an ihrer Seite bleiben müsste.“
Obwohl Claire Mitgefühl für die psychischen Probleme ihrer Freundin hatte, glaubt sie nicht, dass diese ihr Verhalten rechtfertigten. „Sie verwandelte jedes Gespräch in einen Monolog über sich selbst. Sie war abweisend, zeigte keinerlei Interesse an meinem Leben, putzte mich pausenlos herunter und kritisierte meine Eltern, die sie bei sich zu Hause aufgenommen hatten.“
Claire erinnert sich daran, wie sie „ihr schließlich anbot, ihr fast 6.000 Euro von meinem Erbe zu geben, um ihre Therapie bezahlen zu können.“ Stattdessen überredete ihre Freundin sie, ihr das Geld zu leihen, um die Produktion eines Theaterstücks zu finanzieren, das sie geschrieben hatte. Sie zahlte es nicht nur nie zurück, sondern bestand später darauf, dass das Geld eher ein Geschenk als ein Darlehen gewesen sei.
2019 endete die Freundschaft auf dramatische Weise, als Claire erkannte, dass sie ihrer eigenen psychischen Gesundheit zuliebe anfangen musste, Grenzen zu setzen und einen der üblichen nächtlichen Anrufe ihrer Freundin, in denen sie all ihre Probleme bei Claire ablud, nicht annahm. „Ich war müde, hatte Probleme bei der Arbeit und einfach keine Energie mehr übrig. Da ich Autistin bin, finde ich Telefonanrufe sogar dann sehr anstrengend, wenn es mir gut geht. Meine Freundin schickte mir eine Nachricht, in der sie mir mitteilte, dass ich mich ‚nicht so verhalten würde, als würde sie mir tatsächlich am Herzen liegen‘.“
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In den folgenden zwei Wochen wurde Claire mit schneidenden Nachrichten bombardiert und erhielt „eine lange, gemeine E-Mail, in der sie mir Dinge an den Kopf warf, die ich nie getan hatte. Mit ihren Angriffen auf meine Persönlichkeit schlug sie unter die Gürtellinie. Sie tat zum Beispiel meine psychischen Probleme ab, obwohl sie wusste, dass ich bereits einige Male versucht hatte, mir das Leben zu nehmen.“ Claire ist jetzt in der Lage, zu erkennen, dass diese vermeintlich enge Freundschaft ihr nicht nur nicht guttat, sondern sie unglücklich machte. Seitdem sie den Kontakt zu dieser Freundin abgebrochen hat, geht es ihr deshalb auch besser, auch wenn sie ihr Geld nie zurückbekommen hat.
Ceryn Rowntree, eine Therapeutin für personenzentrierte Beratung, die vorwiegend mit Frauen zwischen Ende 20 und Mitte 30 arbeitet, berichtet, dass sich in den letzten drei Jahren immer mehr Frauen über toxische Freundschaften beklagen – und den Schaden, den diese anrichten. Von den mehr als 15 Klientinnen, die sie jede Woche sieht, ist das bei mindestens einem Drittel der Fall.
Rowntree glaubt, dass es zwei Hauptgründe dafür gibt, warum wir im Allgemeinen toxisches Verhalten innerhalb von Freundschaften nicht als „missbräuchlich“ ansehen. „Erstens: Missbrauch wird meistens in Zusammenhang mit romantischen Beziehungen gebracht. Das könnte damit zu tun haben, dass es vielleicht einfacher scheint, Freundschaften zu beenden, da missbräuchliche Freundschaften selten körperlich gewalttätig sind – meiner Erfahrung nach. Ein weiterer Grund dafür könnte sein, dass unsere Gesellschaft missbräuchlichen Beziehungen mehr Aufmerksamkeit schenkt als toxischen Freundschaften.“

Sie schickte mir eine lange, gemeine E-Mail, in der sie mir Dinge an den Kopf warf, die ich nie getan hatte. Mit ihren Angriffen auf meine Persönlichkeit schlug sie unter die Gürtellinie.

Claire, 27
„Vor allem uns Frauen wird gesagt, dass wir mit unseren Freund:innen durch dick und dünn gehen und immer für sie da sein sollen. Wenn eine Freundschaft dann also toxisch wird, stellen viele von uns diese Entwicklung nicht infrage und schieben sie darauf, dass der Freund oder die Freundin in Frage gerade eine schwierige Zeit durchlebt. Wir tun alles, was wir können, um der anderen Person Halt zu geben, auch wenn ihr Verhalten immer schlimmer und unverzeihbar wird.“
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Die 37-jährige Lena* war acht Jahre lang mit einem Mann befreundet, den sie über die Arbeit kennengelernt hatte. Während eines zweiwöchigen Urlaubs im Jahr 2017 kam sein Kontrollverhalten zum ersten Mal zum Vorschein. Heute weiß sie, dass er sich bis zu diesem Zeitpunkt verstellt hatte. „Nachts machte ich meine Tür zu. Als ich aufwachte, war sie offen. Zuerst dachte ich, sie hätte sich von selbst geöffnet. Später gab er aber zu, dass er sie aufgemacht hatte, weil er es nicht mochte, dass ich eine geschlossene Tür bevorzugte. Selbst wenn ich duschte, öffnete er die Badezimmertür. Das Ganze war seltsam und ich fühlte mich unwohl dabei.“
Lena fing damit an, sein bisheriges Verhalten zu analysieren. Ihr fielen Warnzeichen auf, die sie vorher nicht bemerkt hatte. „Wenn ich ihm sagte, dass mir etwas gefiel, kaufte er es nur, um es zuerst zu haben – von kleinen Dingen wie Heimdeko bis hin zu teuren Dingen wie Designer-Lautsprechern. In Restaurants zwang er mich, zuerst zu bestellen, damit er das Gleiche bestellen konnte. Außerdem bat er mich darum, genau das zu essen, was er zum Frühstück aß. Er bereitete es für mich zu, und wenn ich es ablehnte, nannte er mich undankbar und seltsam. Ich musste ständig einen Eiertanz aufführen, um ihn ja nicht zu verärgern.“
Lena bemerkte eine beunruhigende Veränderung: Je positiver sie war, desto negativer ließ er sie fühlen. Wann immer sie ihre Lebensfreude zum Ausdruck brachte – sie wollte Spaß haben und neue Leute kennenlernen –, versuchte er, sie herunterzuziehen. Sie erinnert sich an einen Abend im Urlaub, als sie zum Essen verabredet waren. „Ich ging aufgedonnert nach unten, wo er im Wohnzimmer auf mich wartete. Er musterte mich von oben bis unten und sagte: ‚Ich habe genug von dir, ich will heute Abend nicht mit dir essen. Mach, was du willst‘.“ Geschockt beschloss Lena, zu Hause zu bleiben und allein zu essen.
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„Nach einer Stunde kam er zurück und nahm einen Mann mit in sein Schlafzimmer, wo sie megalaut Sex hatten. Trotz meiner Kopfhörer konnte ich die beiden immer noch hören. Leider konnte ich aber auch nicht weg, weil wir nur einen Schlüssel hatten und ich nicht wusste, ob er mich wieder reinlassen würde. Das Ganze fühlte sich wie eine Form von Bestrafung an. Danach kam er halbnackt die Treppe herunter und fragte, ob ich das Gestöhne genossen hätte, denn das alles sei für mich gewesen. In diesem Moment wurde mir klar, dass unsere Freundschaft zu Ende war.“

Vor allem uns Frauen wird gesagt, dass wir mit unseren Freund:innen durch dick und dünn gehen und immer für sie da sein sollen. Wenn eine Freundschaft dann also toxisch wird, stellen viele von uns diese Entwicklung nicht infrage.

Ceryn Rowntree
Lena hat ihn nicht mehr gesehen, seit sie sich nach jenem Urlaub am Flughafen verabschiedeten. Sie schrieb ihm einen Brief, in dem sie sich für seine Freundschaft bedankte und sagte, dass sie zwar offen dafür sei, sich in Zukunft wieder zu treffen, ihr die Freundschaft aber nicht mehr das gäbe, was sie braucht. Er ignorierte das Ganze und blockierte und löschte sie auf allen sozialen Medien.
„Dieser Schritt fiel mir schwer, denn er konnte der netteste Mensch überhaupt sein, wann immer ich das tat, was er wollte. Letztendlich gab er mir aber das Gefühl, nicht gut genug zu sein und es auch nie sein zu können.“ Obwohl sie es nicht bereut, die Freundschaft beendet zu haben, sagt Lena, dass diese Erfahrung Spuren bei ihr hinterlassen hat. Deshalb geht sie seitdem neue Freundschaften auch viel vorsichtiger an.
Toxavidi ist ebenfalls der Meinung, dass toxische Freundschaften unser Identitätsbewusstsein und Selbstvertrauen beeinträchtigen und sogar zu Depressionen, Angstzuständen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen können. Sie rät jedoch vom Ghosten ab. Da eine toxische Person „keine Grenzen versteht, wird sie nicht einfach getrennte Wege einschlagen“. Ihr Rat? „Erklär der anderen Person, dass du etwas Freiraum brauchst. Wenn dich der toxische Freund oder die toxische Freundin daraufhin weiterhin kontaktiert, solltest du ihm oder ihr konsequent aus dem Weg gehen oder einen anderen Ton einschlagen. Je beständiger du dabei bist, desto schneller wird er oder sie sich allmählich aus dem Staub machen.“
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Emma Carrington, die für die Wohltätigkeitsorganisation Mental Health UK tätig ist, räumt ein, dass es nie leicht ist, Freund:innen gehen zu lassen und dass es dafür keinen Königsweg gibt. „Im Normalfall werden dabei Gefühle auf beiden Seiten verletzt. Daran führt leider kein Weg vorbei. Du schuldest es dir aber, das zu tun, was für dich richtig ist. Wenn du in der Lage dazu bist, mit diesen Freund:innen zu sprechen oder ihnen zu schreiben, kann dir das dabei helfen, dieses Kapitel abzuschließen. Hab aber keine Schuldgefühle, wenn das zu viel für dich ist und du es deshalb nicht tun kannst.“ Sie fügt hinzu, dass es schwierig sein kann, das Ende einer Freundschaft zu verarbeiten, „vor allem, wenn sie lange bestanden hat“. Aus diesem Grund kann es eine gute Idee sein, eine Therapie zu machen, die dir dabei helfen kann, über Geschehenes hinwegzukommen.
Es mag vielleicht nicht einfach sein, aber wie die Erfahrungen von Claire und Lena beweisen, ist ein sauberer Bruch mit toxischen Freund:innen möglich.
*Namen wurden von der Redaktion geändert
In Deutschland kann es leider eine Weile dauern, einen Therapieplatz zu bekommen. Solltest du akut Hilfe brauchen, wende dich an die Hotline der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder den Chat der TelefonSeelsorge. Ansonsten kannst du deine Hausärztin oder deinen Hausarzt nach einer Liste mit Therapeut*innen in deiner Umgebung zu fragen.

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