Ich habe Frauen fotografiert, die lebenslänglich im Gefängnis sitzen

Foto: Sara Bennett
Sahiah, 23, inhaftiert seit 2011, 20 Jahre bis lebenslänglich. „So früh ins Gefängnis zu kommen, fühlte sich anfangs an, als sei mein Leben jetzt vorbei. Je mehr Zeit aber verging, desto klarer wurde mir, dass Gott einen besonderen Plan für mich hat. Da ist ein Licht am Ende meines Tunnels. Ich werde frei sein.“
Zu Beginn der 2010er arbeitete Sara Bennett in New York pro bono als Rechtsanwältin für eine Frau namens Judith Clark. Clark war 1981 die Fluchtwagenfahrerin bei einem berüchtigten Überfall gewesen, bei dem drei Leute ums Leben gekommen waren. Nun saß sie für 75 Jahre bis lebenslänglich im Gefängnis – ersuchte aber um Gnade. Als Teil ihrer Verteidigungstaktik hatte Bennett Hunderte Briefe gesammelt, in denen sich Menschen für Clark aussprachen; viele von ihnen verfasst von Frauen, die einst mit ihr gemeinsam hinter Gittern gesessen hatten.
Immer wieder sprachen diese Briefe von Clarks einfühlsamem Charakter: Sie galt als Person, die andere um sich herum zu einem besseren Leben inspiriert hatte. Und irgendwann brachten diese Worte Bennett auf eine neue Idee: Sie hatte ja schon vorher versucht, ihre Klientin so menschlich wie möglich darzustellen – warum eigentlich nicht in Form von Bildern? Und so entstand ihr erstes Fotoprojekt, Spirit on the Inside, in dem sie die Frauen ablichtete, die mit Clark im Gefängnis saßen und von sich sagten, Clark habe sie nachhaltig beeinflusst.
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Foto: Sara Bennett
Patrice, 36, inhaftiert seit 1998, 25 Jahre bis lebenslänglich. „Nur, weil wir um eine zweite Chance im Leben bitten, heißt das nicht, dass wir unsere Taten vergessen haben. Es heißt nur, dass wir mal Teil des Problems waren – und um denen zu helfen, die wir verletzt haben, sollten wir Teil der Lösung, Teil des Gesprächs sein. Durch unsere Strafe habt ihr den Staat zur Rechenschaft gezogen. Jetzt lasst uns euch zeigen, dass wir uns auch selbst für euren Schmerz verantwortlich fühlen.“
Die Bilder des Projekts wurden zum ersten Kapitel von Bennetts noch immer andauernden Fotoserie, in der sie die weiblichen Inhaftierten des Staates New York porträtiert. In Life After Life in Prison begleitete sie mit ihren Bildern sieben Frauen während verschiedener Stufen der Resozialisierung; in The Bedroom Project fotografierte sie Frauen in ihren Zellen. Ihr neuestes Kapitel der Reihe heißt Looking Inside: Portraits of Women Serving Life Sentences und stellt ausschließlich Frauen dar, die voraussichtlich ihr gesamtes restliches Leben hinter Gittern verbringen werden.
„Die Idee zu Looking Inside schwirrte rund 15 Jahre in meinem Kopf rum, bis ich sie endlich umsetzte“, erzählt Bennett. „Bis 2004 arbeitete ich als Strafverteidigerin. Als ich damit aufhörte, kam mir die Idee, die Geschichten einiger Frauen zu erzählen, die ich kannte und die zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt worden waren. Mein Mann ist Fotograf; ich wollte, dass er die Bilder machte, während ich mich mit den Geschichten der Frauen befasste. Das Konzept änderte sich im Laufe der Zeit immer mehr. Es dauerte schließlich über ein Jahrzehnt, bis ich mir sicher war, dass ich endlich bereit war.“ Dazu schrieb sie Briefe an ein paar der Frauen, die sie im Gefängnis in Bedford Hills kannte, sowie an einige Fremde dort und in einem anderen Gefängnis. Sie fragte die Adressaten, ob sie Interesse daran hätten, teilzunehmen, und bat darum, die Idee auch anderen Frauen zu erzählen. „Es war ein langer Prozess und viele meiner Briefe wurden vom Gefängnis als ‚Schmuggelware‘ aus dem Verkehr gezogen, aber irgendwann hatte ich über 20 Frauen beisammen“, erinnert sich Bennett.
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Foto: Sara Bennett
Assia, 35, inhaftiert seit 2003, 18 Jahre bis lebenslänglich. „Ich habe mich vor Kurzem um ein neun Wochen altes Baby gekümmert, dessen Mom aus der Mutter-Kind-Station ziehen musste. Ich fütterte sie alle drei Stunden und wechselte ihr danach immer die Windel. – Als Geburtsbegleiterin und Helferin auf der Station bin ich eine der sehr wenigen Frauen mit der Ehre, mich um wertvolles Leben kümmern und neuen Müttern helfen zu dürfen. Trotz der schlechten Entscheidungen, die mich hierher führten und von meinen eigenen Kindern trennten, die jetzt ohne mich aufwachsen, kann ich so immer noch einen Unterschied machen.“
Foto: Sara Bennett
Trinity, 23, inhaftiert seit 2012, 25 Jahre bis lebenslänglich. „Ich kann es niemandem erklären und möchte das auch gar nicht. Ich war sehr jung und hatte keine Chance, kämpfte aber für meine Freiheit. Dieses Urteil ist jetzt nicht mehr meins. Dafür danke ich Gott und bete für diejenigen, die immer noch kämpfen. Für die, die so jung sind, wie ich es war. Für die, die noch immer wie ich verurteilt werden. Für die, die um Hilfe baten – und, wie ich, keine bekamen. Besonders bete ich für die, die wissen, dass das nicht das Ende für sie bedeutet. Und für die, die, wie ich, nie jemandem alles erklären werden können.“
Bennetts würdevolle Porträts, ergänzt durch handgeschriebene Nachrichten   der Insassinnen, zeigen die Frauen in ihrer täglichen Umgebung und ermöglichen uns einen Einblick in ihren Alltag – wo sie ihre Tage verbringen, welche Möglichkeiten sie haben. Also sehen wir sie in Bibliotheken, Büros, Sport- und Lagerräumen. Laut Bennett muss außerdem jede Insassin ohne Schulabschluss zum Unterricht; so haben es einige der fotografierten Frauen sogar zum College-Abschluss gebracht. „Und das ist leichter gesagt als getan – sie haben immerhin kaum Zugang zu Fachliteratur und überhaupt keinen zum Internet“, erklärt sie. 
Was Arbeit angeht, haben die Frau aber sehr wohl eine große Auswahl: Im Gefängnis gibt es „jeden Job, den du dir vorstellen kannst“, meint Bennett – zum Beispiel als Pförtnerin, Reinigungskraft, Klempnerin oder Bibliothekarin. Die Bezahlung ist allerdings „unterirdisch: Die Frauen bekommen 12 bis 25 Cent pro Stunde, und das, obwohl die Produkte des täglichen Bedarfs genauso teuer, wenn nicht sogar teurer, sind wie draußen“. 
Foto: Sara Bennett
Linda, 70, inhaftiert seit 1992, 30 Jahre bis lebenslänglich. „Das ist mein 27. Jahr in Haft. Während dieser Zeit habe ich mich schon ängstlich gefühlt, einsam, verletzt, enttäuscht, vergessen. Als ich vor elf Monaten hier einzog, konnte ich gar nicht glauben, wie viele der Frauen ich schon kannte. Sie waren immer noch hier, baten immer wieder darum, auf Bewährung rauszudürfen, durften es aber nie. Werde ich es eines Tages dürfen? – Ich mache mir jeden Tag meine Haare und mein Make-up, das gibt mir ein gutes Gefühl. Innerlich bin ich aber kaputt. Ich habe einen dreifachen Bypass im Herzen, hatte schon zwei Schlaganfälle, eine große Rücken-OP und nehme jeden Tag 30 Tabletten. Was ich sagen will: Ich flehe um Vergebung, um eine zweite Chance. Werde ich je wieder Freiheit erleben????? Werde ich zwischen diesen Mauern sterben??????????“
Foto: Sara Bennett
Gloria, 53, inhaftiert seit 2000, 20 Jahre bis lebenslänglich. „Ich bin ein Opfer der häuslichen Gewalt. Ich wurde als Prinzessin erzogen und bin zum Aschenputtel geworden. Mein Leben als Frau und Mutter endete, als ich 35 war. Mir ist schmerzlich bewusst, dass meine Familie ihr eigenes Leben führt, in dem für mich kein Platz mehr ist. Dabei bin ich immer noch eine normale Person. Ich habe noch nicht die Einstellung einer Gefangenen entwickelt. Und trotzdem werde ich so behandelt – so lange, bis ich freigelassen werde. – Wie kann irgendjemand nach so viel Leid noch normal wirken? Wie kann ich danach noch leben, lachen oder lieben? Wie kann ich weitermachen, obwohl ich durch diese Haft die besten Jahre meines Lebens verloren habe, ohne meine Kinder?“
Vielleicht fällt dir bei diesen Bildern und Geschichten eines auf: Es fehlen jegliche Details zu den Verbrechen, die diese Frauen begangen haben sollen. Das war allerdings eine bewusste Entscheidung, sagt Bennett; sie will, dass ihr Publikum hinter diese Anschuldigungen blickt und „nicht dasselbe tut wie die Justiz, die die Leute für immer in dem Moment des Verbrechens gefangen hält“, erklärt sie. Eines möchte sie aber klarstellen: Alle Frauen auf diesen Bildern wurden des Mordes angeklagt. Das mitzuteilen, war ihr wichtig, denn weder sie noch die Frauen selbst möchten das verheimlichen. 
Was Bennett während ihres Projekts am meisten überraschte, waren die tiefen Beziehungen, die sie zu fast allen porträtierten Frauen aufbaute. „Das war eine unglaubliche Erfahrung, diese Menschen nur in Form von Briefen so gut kennenzulernen. Einige von ihnen gehören zu den größten Denker:innen, die ich kenne. Wir könnten alle etwas von ihnen lernen – davon, wie sie ihre Verbrechen heute selbst sehen, und davon, wie sie dorthin gelangt sind, wo sie sind. Und wer sie sind.“
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Denn jede:r hat eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt, betont Bennett und erinnert sich dabei vor allem an ein Gespräch: „Eine der Frauen sagte zu mir: ‚Wenn ich mir die Nachrichten ansehe und von Leuten höre, die Ähnliches verbrochen haben wie ich, frage ich mich, was eigentlich mit mir nicht stimmte. Dann schäme ich mich wieder. Oft sagt man mir: „Du gehörst hier gar nicht rein“, oder: „Du bist so ein guter Mensch.“ Das stört mich wirklich, denn ich weiß genau, was ich getan habe, wer ich war und wer ich heute bin. Jeden Tag wache ich auf und treffe die bewusste Entscheidung, mein bestes Selbst zu sein. Immer wieder höre ich andere sagen, sie seien „nicht mehr derselbe Mensch“ wie damals, aber dieser Mensch von damals lebt noch in mir. Ich entscheide mich aber dazu, das Richtige zu tun – das ist eine tägliche Herausforderung.’“
Foto: Sara Bennett
Yvette, 54, inhaftiert seit 1997, 25 Jahre bis lebenslänglich. „Wenn du mich ansiehst, schaust du in das Gesicht einer Person, die von der Gesellschaft als Kriminelle abgestempelt wurde. Wenn du mich – und andere Frauen wie mich – aber anschaust, dann sieh uns doch als die Menschen, die wir wirklich sind. Wir sind Mütter, Frauen, Schwestern, Tanten. Wir sind nicht bloß irgendwelche Nummern. Wir sind Frauen, die dasselbe im Leben lieben wie andere. Sieh mich als die Frau, die ich heute bin – nicht die von vor 22 Jahren.“
Foto: Sara Bennett
Taylor, 36, inhaftiert seit 2006, 22 1/3 Jahre bis lebenslänglich. „Verurteile mich nicht aufgrund meines Verbrechens. Ein einziges Ereignis sollte niemanden definieren. Meistens sagen ihre Verbrechen viel über Insass:innen aus, aber wir sind nicht unsere Taten. Sie definieren uns nicht. Einige von uns haben sich für den falschen Lifestyle entschieden, wuchsen in kaputten Familien auf, litten unter häuslicher Gewalt, Drogensucht oder geistigen Erkrankungen. In den meisten Fällen hätten wir einfach nur jemanden gebraucht, der oder die sich einmischt und uns die Hilfe besorgt, die wir so verzweifelt brauchten. Eine Haftstrafe ist nicht immer die richtige Lösung. Wir haben gute Eigenschaften und verdienen eine zweite Chance.“
In den Vereinigten Staaten sitzen derzeit über 200.000 Menschen lebenslänglich in Haft. Dabei ist der Begriff der „lebenslänglichen Haft“ gar nicht so eindeutig, wie er klingt: „Ein lebenslanges Hafturteil muss nicht automatisch bedeuten, dass jemand bis zum Lebensende im Gefängnis sitzt – außer, es ist ‚lebenslänglich ohne Bewährung‘“, erklärt Bennett. „Ein Urteil von beispielsweise ‚25 Jahren bis lebenslänglich‘ heißt daher, dass jemand nach 25 Jahren womöglich Anspruch auf Bewährung hat. Oft gehen Insass:innen daher davon aus, in diesem Beispiel nach 25 Jahren entlassen zu werden. Das Bewährungssystem in New York ist allerdings so kaputt, dass diese Bewährung immer wieder abgelehnt wird – nicht wegen des Verhaltens im Gefängnis, sondern wegen des ‚Wesens des Verbrechens‘.“
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Foto: Sara Bennett
Stacy, 45, inhaftiert seit 2004, 30 Jahre bis lebenslänglich. „An manchen Tagen wache ich wie benebelt auf. Ich denke dann, ich sei zu Hause. Nach all dieser Zeit fühlt sich das gleichzeitig gut an – und tut weh.“
Wer sich mit Bennetts Projekt beschäftigt, stellt sich danach aber vielleicht ein paar Fragen: Wie kann jemand beweisen, bereit für eine zweite Chance zu sein – und sie auch zu verdienen? Und was, wenn diese zweite Chance unerreichbar scheint? Bennett wünscht sich schon lange, sie könnte die Realität der Langzeitinhaftierten denen zeigen, die darüber entscheiden: den Entscheidungsträger:innen des Justizvollzugs in den USA. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie dadurch einen Unterschied machen könnte. „Ganz ehrlich, an diesem System muss sich alles ändern“, sagt sie. „Wir sollten uns als Gesellschaft fragen: Warum inhaftieren wir Leute überhaupt? Und wenn wir es tun, warum behandeln wir diese Menschen dann so unmenschlich?“ 
Mit ihren Fotos macht Bennett einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung und bietet uns einen seltenen Blick in die komplexe Realität der Anpassung und Reue, die hinter den dicken Mauern der Gefängnisse dieser Welt stattfindet. „All diese Frauen versuchen, ein sinnvolles Leben zu führen und sich unser Mitgefühl zu verdienen. Sie sind so viel mehr als nur die eine Tat, die sie dorthin führte.“ Und das Mindeste, was wir hier draußen tun können, betont Bennett, ist, diesen Menschen die Chance zu geben, gehört zu werden. 

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