2020 mit Impostor-Syndrom: Unsere inneren Kritiker:innen waren noch nie so laut

Foto: Flora Maclean
Die 26-jährige Jasmin arbeitet seit letztem Jahr als Lehrerin. Mit ihrem neuen Posten war sie bisher sehr zufrieden und dachte, sie würde gute Arbeit leisten. Das änderte sich aber schlagartig, als die Pandemie ausbrach.
„[Jetzt] zerbreche ich mir die ganze Zeit den Kopf über meinen Job! Ich habe das Gefühl, nie gut genug zu sein. Es kommt mir vor, als ob all die positiven Dinge, die ich im letzten Jahr erreicht habe und mit denen ich mir Anerkennung verschaffen konnte, jegliche Bedeutung verloren hätten.“ Im Moment ist sie immer noch in der Probezeit. Vor jedem Feedback-Gespräch hat sie schlaflose Nächte und macht sie sich Sorgen darüber, dass jemand „herausfinden könnte, dass ich mich eigentlich nicht als Lehrerin eigne“. Hinzu kommt, dass sich die Corona-Sicherheitsregeln, die sie als Pädagogin penibel befolgen muss, regelmäßig ändern. Dadurch fühlt sie sich ständig so, als sei sie nicht mehr auf der Höhe und hat damit begonnen, sich mit anderen zu vergleichen. „Andere Lehrer:innen scheinen sich gut an die neue Arbeitssituation angepasst zu haben. Das scheint mir unmöglich.“
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Die Angst, nicht gut genug zu sein, die eigenen Erfolge im Leben für Glück oder Zufall zu halten und sich davor zu fürchten, „als Hochstapler:in entlarvt“ zu werden, sind typische Symptome des Impostor-Syndroms. Von diesem Phänomen sind „insgesamt mehr Frauen als Männer betroffen sowie Menschen, die tatsächlich überdurchschnittliche Leistungen erbringen – zum Beispiel als Fachkraft oder im Top-Management“.
Das Impostor-Syndrom ist durch starke Selbstzweifel und Perfektionismus gekennzeichnet. Besonders ausgeprägt ist es bei jenen Personen, die in der Vergangenheit mit Ausgrenzung zu kämpfen hatten – sei es aufgrund von Klasse, Bildung, Rasse, Alter, Geschlecht, körperlicher Voraussetzungen oder einer Kombination dieser Faktoren. Wenn es Betroffenen gelingt, sich einen Platz am Verhandlungstisch zu erkämpfen, verspüren sie häufig das Gefühl, diesen Erfolg eigentlich nicht zu verdienen. Da es keine Garantie dafür gibt, dass sie in Zukunft nicht erneut Diskriminierung zum Opfer fallen könnten, bereiten sie sich auf das ihrer Meinung nach Unvermeidliche vor. „Das Syndrom ist ein Ausdruck deiner kritischen inneren Stimme. Es dient aber auch als ein maladaptives Bewältigungsverhalten, sodass du dich für negative Erfahrungen rüsten kannst“, sagt Psychotherapeutin Charlotte Weber.
Durch die Pandemie haben sich unsere Arbeitsumstände maßgeblich verändert. Viele von uns haben jetzt die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten. Das kann oft lindernd auf arbeitsbedingte Ängste wirken – ein positiver Nebeneffekt von COVID-19 für Menschen mit Impostor-Syndrom.
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Niamh, 32, war bisher stets davon überzeugt, dass ihr beruflicher Erfolg größtenteils Glückssache gewesen sei und jemand ihr irgendwann auf die Schliche kommen würde. Ihre Einstellung hat sich in den letzten Monaten aber stark verändert.
„Mein Mann arbeitet im Bereich der Gesundheitspflege und musste während des ersten Lockdowns zur Arbeit gehen. Ich arbeitete von zu Hause aus und kümmerte mich gleichzeitig um unser neun Monate altes Baby. Das war vielleicht eine Herausforderung!“ Nach den ersten paar Wochen stellte sich heraus, dass das Management von seinen Mitarbeiter:innen erwartete, denselben Arbeitspegel von vorher beizubehalten. Das empfand sie als „grenzwertig beleidigend“.
„Uns wurde zu verstehen gegeben, dass wir uns glücklich schätzen könnten, überhaupt noch einen Job zu haben und wir uns nicht über die veränderten Arbeitsumstände beklagen sollten. Das rückte vieles ins rechte Licht und zeigt mir, dass Arbeitgeber:innen sich eigentlich nicht wirklich um dein Leben scheren. Durch diese Offenbarung fühlte ich mich plötzlich weniger unzulänglich in meinem Job und machte mir viel weniger Gedanken darum, ob ich meine Arbeit auch tatsächlich verdiene.“ Daraufhin fing sie an, sich mehr auf ihr Baby zu konzentrieren und den weniger wichtigen Aspekten ihrer Arbeit nicht mehr allzu viel Beachtung zu schenken – ohne sich dafür schuldig zu fühlen.
„Zum ersten Mal in meinem Leben gab ich meinem Vorgesetzten eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie es mir denn ginge. Ich erklärte, dass ich zwar mein Bestes tue, aber auch nur ein Mensch bin und meine Grenzen habe. Das war das allererste Mal, dass ich ‚nein‘ sagte und mich dabei wohlfühlte. Außerdem wurde ich nicht gefeuert!“
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[Die Pandemie] rückte vieles ins rechte Licht und zeigt mir, dass Arbeitgeber:innen sich eigentlich nicht wirklich um dein Leben scheren. Durch diese Offenbarung fühlte ich mich plötzlich weniger unzulänglich in meinem Job und machte mir viel weniger Gedanken darum, ob ich meine Arbeit auch tatsächlich verdiene.

Niamh, 32
Niamh sieht jetzt vieles mit anderen Augen. Sie heißt diese Veränderung willkommen – eine Erfahrung, die ganz und gar nicht auf alle zutrifft. Jetzt freut sie sich schon darüber, wenn es ihr gelingt, einfach nur über die Runden zu kommen. „Meinem Baby geht es gut und meine Arbeit kann sich sehen lassen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen fühlt sich eine gute Leistung so viel bedeutungsvoller und somit wie ein größerer Erfolg als sonst an.“
Sarah, 24, ist der gleichen Meinung. Vor der Pandemie fühlte sie sich in ihrem ersten Job nach dem Studium ständig unzulänglich. Das hat sich aber geändert. „Da ich die anderen nicht mehr um mich hatte, hörte ich damit auf, Vergleiche anzustellen. Ohne diese negativen Gedanken war es mir möglich, mein Selbstwertgefühl im Privatleben und im Bereich der Arbeit zu stärken. Ich bin überzeugt, dass das sonst nicht passiert wäre.“
Die durch die Pandemie verursachten neuen Arbeitsumstände können aber auch negative Auswirkungen auf Menschen mit Impostor-Syndrom haben: Wenn dein Arbeitsplatz unsicher ist, dein Job an einem seidenen Faden hängt oder du deine Arbeit aufgrund von COVID-19 vielleicht sogar verloren hast, können sich deine Symptome verschlimmern.
Eilish, 26, hat starke Schuldgefühle, weil viele ihrer Kolleg:innen in der Zwischenzeit entlassen und/oder beurlaubt wurden, während sie ihren Job behalten konnte. Obwohl sie vor all diesen Veränderungen bereits massive Selbstzweifel hatte, verschlechterte sich ihr Zustand, als ihre Mitarbeiter:innen und Freund:innen gehen mussten. „Viele Menschen, die meiner Meinung nach viel wertvollere Arbeitskräfte waren, verloren ihre Arbeit. Ich fühlte mich unglaublich schuldig, weil ich bleiben durfte. Außerdem mache ich mir Sorgen darüber, ‚als Fake entlarvt‘ zu werden, weil Unternehmen deine Leistung jetzt noch genauer unter die Lupe nehmen als früher.“
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Den prüfenden Blick des Arbeitgebers, auf den sich Eilish bezieht – das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen und sich beweisen zu müssen –, bekommt man bei der Arbeit im Home-Office immens zu spüren. Angeblich sollen manche Chefs ihre Mitarbeiter mithilfe von Spyware überwachen oder ständig kontrollieren, ob diese auch ja ihre Ziele erreichen. Dieses Verhalten schafft eine Kultur des Misstrauens. „Durch diese übertriebene Kontrolle fühlt man sich wie ein Kind behandelt“, sagt Charlotte. „Wenn du bevormundet wirst, kommt es dir so vor, als würde man dir nicht vertrauen. Aufgrund dessen verlierst du das Vertrauen in dich selbst, zweifelst an dir und gibst dich deshalb abwehrend.“
Durch das Arbeiten von zu Hause erhalten wir weniger Unterstützung von Kolleg:innen, Freund:innen und unserer Familie, als es sonst der Fall wäre. Auf diesen Rückhalt sind wir aber angewiesen, um besser gegen das Impostor-Syndrom ankämpfen zu können. Tessa Armstrong, Expertin im Bereich des Karriere-Coachings, erklärt: „Diese Form der Arbeit kann sich negativ auf dein Selbstvertrauen auswirken, weil du häufig an dir zweifelst, wenn du aufgrund der Isolation und der ausschließlichen Online-Kommunikation nicht in der Lage bist, eine enge Verbindung mit Vorgesetzten aufzubauen oder Fragen mal eben schnell anzusprechen und zu klären. Hinzu kommt, dass du deine Freund:innen oder Familie kaum oder gar nicht mehr zu Gesicht bekommst. Diese Beziehungen sind aber wichtig, weil sie beruhigend wirken, da du dir Sorgen vom Herzen reden kannst. Außerdem stärken sie das Selbstwertgefühl. Ohne sie erhältst du nicht den Beistand, den du gerade aber so sehr brauchst.“
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Charlotte stimmt Tessa zu. Ihr zufolge sei der Verlust direkter Rückmeldung zum Großteil dafür verantwortlich, dass sich die Symptome vieler Menschen mit Impostor-Syndrom verschlimmern. „Bei Zoom-Gesprächen gehen wichtige Komponenten der Kommunikation verloren, was es schwer macht, unmittelbares Feedback zu erhalten. Online kann man nonverbale Signale nur eingeschränkt oder gar nicht erkennen oder deuten. Außerdem überträgt sich das Gemeinschaftsgefühl, das man als Teil einer Gruppe sonst hat, via Bildschirm einfach nicht.“ Hinzu kommt, dass es im Home-Office keine Gelegenheit für Anteilnahme, Kameradschaft und ungezwungene, beiläufige Interaktionen mit anderen gibt. „Du hast niemanden, mit dem du dich mal eben kurz austauschen kannst. Deshalb fühlst du dich schnell einmal einsam, fängst an, zu grübeln und paranoide Züge zu entwickeln. Unterhaltungen und Geplänkel mit Kolleg:innen lenken dich aber von Problemen ab und schaffen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Zusammenhalt. Beim Arbeiten von zu Hause musst du aber ohne all das auskommen. So entgeht dir eine Menge Zeit mit anderen, die, emotional gesehen, aber von enormer Bedeutung ist.“
Charlotte zufolge versuchen viele Arbeitgeber:innen, diesen Mangel an ungezwungenen, beiläufigen Interaktionen zwischen Mitarbeiter:innen auszugleichen: Manche Unternehmen bieten zum Beispiel Buddy-Systeme an. Damit kommt aber bloß eine weitere Verpflichtung hinzu. „Das Tolle an Smalltalk mit Kolleg:innen ist ja schließlich, dass sich diese Unterhaltungen natürlich ergeben, es keine Vorgaben dafür gibt und man deshalb also nie weiß, wohin sie führen.“

Wenn du erkennen kannst, dass wir alle Selbstzweifel haben, und du in der Lage bist, zu akzeptieren, dass diese kritische, innere Stimme Teil eines jeden Menschen ist, wird es dir bald besser gehen.

Charlotte Weber
Was kann also, wenn überhaupt, getan werden, um ein so weitreichendes Problem zu bekämpfen?
Laut Tessa sei es extrem wichtig, dir bewusst zu machen, inwiefern sich das Impostor-Syndrom auf dich auswirkt. „Achte darauf, wann perfektionistische Gedanken auftreten und was du dabei empfindest. Nur dann kannst du herausfinden, was der Auslöser ist, und etwas dagegen unternehmen.“ Sie schlägt vor, bei der Arbeit ständig um Feedback zu konkreten Aufgaben zu bitten, „damit du immer weißt, wo du stehst, ob du alle Erwartungen erfüllst und ob es Bereiche gibt, in denen du dich weiterentwickeln solltest. Oft ist das Feedback positiver als erwartet.“
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Wenn du gerade keine Arbeit hast, rät Tessa dazu, dich zuallererst um dein Wohlbefinden zu kümmern. Erst dann solltest du ihr zufolge deinen nächsten Karriereschritt planen. Sie empfiehlt, deiner Kreativität dabei freien Lauf zu lassen.
„Bei der Arbeitssuche musst du im Moment sehr kreativ vorgehen. Oft sind uns nur bestimmte Berufe oder Berufsbezeichnungen bekannt. Tatsächlich gibt es aber Tausende Jobs mit ähnlichen Aufgaben, die aber unterschiedlich bezeichnet werden.“ Tessa rät dazu, ein Profil für den Job deiner Wahl zu erstellen und sich dann verschiedene Stellenbeschreibungen anzuschauen, um so sehen zu können, wo es Übereinstimmungen gibt.
Das Wichtigste ist, uns bewusst zu machen, dass Zweifel und Ängste wirklich nur ein Teil des Lebens sind. „Wenn du erkennen kannst, dass wir alle Selbstzweifel haben, und du in der Lage bist, zu akzeptieren, dass diese kritische, innere Stimme Teil eines jeden Menschen ist, wird es dir bald besser gehen“, sagt Charlotte. „Dieses Syndrom muss dich nicht bremsen oder dich daran hindern, in vollen Zügen zu leben. Zweifel zu haben, ist völlig in Ordnung. Sie müssen aber nicht zur Sackgasse für dich werden. Deine zweifelnde innere Stimme muss nicht die einzige sein, die du hörst, und schon gar nicht die lauteste.“
Zu Beginn der Pandemie zeigten sich viele Menschen mitfühlend und boten eine helfende Hand an. Dieses Mitgefühl hat im Laufe der Zeit aber nachgelassen. „Das ist nichts Überraschendes. So funktioniert nun mal jede echte Krise. Alles wird mit der Zeit langweilig, ärgerlich und monoton“, sagt Charlotte. „Der Reiz des Neuen lässt nach. Die meisten von uns sind es mittlerweile leid, sich bei anderen melden zu müssen, um sicherzustellen, dass es ihnen gut geht. Schließlich haben wir unsere eigenen Kämpfe zu bewältigen.“ Nichtsdestotrotz sollten wir damit fortfahren, Interesse für unsere Mitmenschen zu zeigen und sie nach ihrem Wohlbefinden zu fragen. Sie setzt fort: „Nur weil es uns mühsam erscheint, heißt das nicht, dass es nicht mehr wichtig ist.“
Zurzeit sehnen wir uns alle nach felsenfester emotionaler Unterstützung und einem sicheren Arbeitsplatz. Davon können wir im Moment aber nur träumen. Transparenz, Ehrlichkeit und ein Arbeitsumfeld, in dem Authentizität willkommen geheißen wird, können wesentlich dazu beitragen, uns bei der Bewältigung der gegenwärtigen globalen Krise zu helfen.

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