Gibt es tatsächlich so etwas wie einen mütterlichen Instinkt?

Jenna Greenspoon war besorgt. Mit ihrem zweijährigen Sohn Jonah stimmte irgendetwas nicht. Ihr fiel auf, dass er seine „Konzentration“ in merkwürdigen Momenten zu verlieren begann, z. B. mitten im Musikunterricht oder wenn er die Treppe hinunterging. „Plötzlich blieb er einfach stehen und war auf einmal ganz weggetreten“, sagt sie. „Dieser Zustand hielt zwar nie lange an, aber irgendetwas in mir sagte mir, dass etwas nicht stimmte.“
Nachdem sie ihre Sorgen bei einer regelmäßigen Untersuchung angesprochen hatte, erhielt sie einen Anruf von den Behandelnden. Mit ihrem Sohn wäre alles in Ordnung. „Nachdem ich aufgelegt hatte, widmete ich mich also wieder meiner Arbeit. Trotz des Telefonats hatte ich aber immer noch ein komisches Gefühl im Bauch. Ich konnte an nichts anderes mehr denken und war immer noch beunruhigt“, erinnert sich Greenspoon. „Dann mutierte ich zur beschützenden Mutter-Löwin und meine Krallen kamen zum Vorschein.“ Die 34-Jährige rief zurück und sagte, sie wollte weitere Tests bei Spezialist:innen durchführen lassen.
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Als die Testergebnisse zurückkamen, stellte sich heraus, dass ihr Sohn, der jetzt mittlerweile acht Jahre alt ist, Epileptiker ist. Greenspoon hatte schon die ganze Zeit über vermutet, dass ihr Sohn möglicherweise Epilepsie – eine behandelbare Krankheit – haben könnte. „Ich verlasse mich darauf, dass Expertin:innen wissen, was sie tun, aber ich muss die Gewissheit haben, dass sie im Gegenzug meinem mütterlichen Instinkt vertrauen“, sagt Greenspoon, Inhaberin von Savvy Sassy Moms. „Niemand weiß besser als die Mutter eines Kindes, sobald etwas nicht in Ordnung ist. Mit meiner Vermutung hätte ich sehr gerne falsch gelegen. Letzten Endes hatte ich aber Recht.“
Wenn du Greenspoon oder viele andere Mütter fragst, werden sie dir sagen, dass der Mutterinstinkt ein unerklärliches Phänomen ist, das irgendwann nach der Geburt eintritt. Er verleiht ihnen die Fähigkeit zu wissen, wann ihre Kinder krank sind oder etwas Bestimmtes brauchen – auch wenn sie weit weg sind. Dieses Bauchgefühl ist eine Art Superkraft, die geschaffen wurde, um ihre Kleinen vor den Gefahren des Lebens zu schützen – von Masern bis hin zu Bullys auf dem Schulhof.
Seit Kurzem wird das Konzept des mütterlichen Instinkts genauer unter die Lupe genommen. Einige Expert:innen geben nun an, dass es nicht nur unbewiesen, sondern regelrecht gefährlich sein könnte.
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Während der Geburt und der Stillzeit schüttet das Gehirn etwas aus, das als Oxytocin bekannt ist und manchmal als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. Im Rahmen einer Studie fanden Forscher:innen heraus, dass Mäuse, denen dieses starke Hormon gespritzt wurde, und solche, die es bereits auf natürliche Weise produziert hatten, eher weinenden Mäusebabys zu Hilfe kamen als Mäusemütter, denen kein Oxytocin injiziert worden war. Das wurde als Hinweis dafür verstanden, dass Mütter besser darauf vorbereitet sind, auf ihre Kinder zu reagieren.
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Oxytocin verändert die Art und Weise, wie Neuronen bei Eltern feuern, sagt Dr. Bianca Jones Marlin, Autorin der Untersuchung, Neurowissenschaftlerin und Postdoktorandin am Zuckerman Institute der Columbia University. „Unsere Studie untersuchte den auditiven Kortex (das Hörzentrum des Gehirns). Dabei handelt es sich um einen Bereich, der aktiv wird, wenn Babys schreien“, erklärt sie. „Diese Gegend wird nach der Geburt empfindlicher für das Weinen von Neugeborenen, wenn dieses bestimmte Hormon freigesetzt wird.“
Das hat Marlin am eigenen Leib erfahren. „Nachdem ich meine Tochter auf die Welt gebracht hatte, löste das Heulen eines Neugeborenen eine andere Reaktion aus als zuvor“, sagt sie. „Meine Brüste fingen an, Milch abzusondern und ich wachte gleich beim ersten Wimmern auf, während mein Mann von dem Geschreie nichts mitbekam und ungestört weiterschlief.“
Die „Hardcore-Interpretation“ dieser Untersuchungsergebnisse ist, dass hier ein genetischer oder biologischer Impuls ins Spiel kommt, der dem Körper „mitteilt“, wie er auf einen Säugling reagieren soll, erklärt Dr. Robert Froemke, Marlins Co-Autor. Er fügt hinzu: „Aus philosophischer Sicht ist mütterliches Verhalten aber erlernt – so wie jedes andere auch. Anstatt darauf zu warten, dass irgendwann ein Instinkt eintritt, solltest du dich lieber darum bemühen, deine Aufgaben als Elternteil immer besser und besser erfüllen zu können.“
Mit anderen Worten: Es gibt einige Beweise dafür, dass der Wunsch, sich um unsere Nachfahren zu kümmern, instinktiv ist (wie bereits erwähnt induziert Weinen zum Beispiel Milchabsonderung). Letztendlich sind wir aber diejenigen, die entscheiden, ob wir auf diesen biologischen Drang hören und dementsprechend handeln – oder nicht. „Es ist eine Sache zu erkennen, dass ein Kind Hilfe benötigt. Es ist aber eine ganz andere Geschichte, zu wissen, was in der jeweiligen Situation zu tun ist“, sagt Froemke. „Ich bin nicht mit dem Wissen, wie man eine Windel wechselt, auf die Welt gekommen. Das musste ich auch erst lernen.“
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„Von der Idee eines Mutterinstinkts bin ich kein Fan, weil es impliziert, dass wir diese instinktiven Kenntnisse, wie wir mit unseren Kindern umzugehen haben, haben sollten“, sagt Dr. Eileen Kennedy-Moore, eine Psychologin und die mitwirkende Herausgeberin von What's My Child Thinking. „Niemand verfügt über angeborenes Wissen. Wir lernen, weil wir Verschiedenes ausprobieren. Indem wir herausfinden, was davon funktioniert, Dinge nachlesen und uns Mühe geben.“ Die Vorstellung, dass man ohne Erfahrung in die Elternrolle schlüpfen und von Natur aus wissen soll, was genau zu tun ist, erweist Eltern, die sich anfänglich schwertun, einen schlechten Dienst, erklärt Kennedy-Moore.
Das Konzept eines Mutterinstinkts kann nach einer Geburt auch zusätzlichen Druck für Mütter schaffen – eine Zeit, in der sich ihre Hormone ohnehin bereits immens auf ihren Körper und ihre Emotionen auswirken, meint Dr. Rebecca Weinberg, eine klinische Psychologin und die Leiterin des klinischen Betriebs eines Programms für perinatale Depressionen.
„Der mütterliche Instinkt ist ein gefährliches Prinzip, denn die Botschaft, die Mütter auf diese Weise erhalten, ist, dass sie ihrer Intuition und all ihren Impulsen vertrauen sollten“, sagt Weinberg. Das ist aber nicht immer ratsam. Sie gibt an, dass viele Mütter nach der Geburt mit postpartalen Angstzuständen zu kämpfen haben. Ihre „Instinkte“ sagen ihnen vielleicht, dass sie die ganze Nacht wach bleiben und ihr Baby beim Schlafen beobachten sollten, um sicherzugehen, dass es auch ja atmet. Das ist aber weder realistisch noch empfehlenswert. „Wir wollen Frauen beibringen, ihre Gedanken und Instinkte zu evaluieren und sie dann mit genauen Informationen zu untermauern“, sagt Weinberg.
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Ein weiterer Nachteil? Der Begriff hat von Haus aus einen ausschließenden Charakter. Immerhin lässt er mindestens die Hälfte der elterlichen Bevölkerung (Väter) außen vor – ganz zu schweigen von Adoptiv- und einigen Trans-Eltern. Abgesehen von dieser fehlenden Inklusivität gäbe es laut Kennedy-Moore keinen Beweis dafür, dass das Phänomen in der Biologie verwurzelt ist. Sie glaubt viel eher an so etwas wie eine „elterliche Intuition“, „ein Bauchgefühl, das auf all unserem Wissen und unserer bisherigen Erfahrung beruht, und anhand dessen wir handeln.“ Vielleicht hatte Greenspoon also tatsächlich ein inneres Barometer, das ihr verriet, dass mit ihrem Sohn irgendetwas nicht stimmte. Dabei handle es sich laut Kennedy-Moore aber nicht um irgendeine magische innere Kraft, sondern könne darauf zurückgeführt werden, dass Greenspoon ihren Sohnemann sehr gut kannte und ihrem Instinkt vertraute.
Außerdem produzieren alle Menschen Oxytocin – jenes Hormon, das laut Forscher:innen wie Froemke und Marlin für mütterliche Intuition verantwortlich sein könnte. Eine Studie aus dem Jahr 2017 fand heraus, dass Väter einen Schub des Hormons erfuhren, wenn sie Bilder ihrer Kleinkinder sahen. Dieser Prozess ereignete sich in Regionen des Gehirns, die mit Belohnung in Verbindung gebracht werden.
Marlin hat dieses Phänomen selbst miterlebt, denn ihre leiblichen Eltern waren ebenfalls Pflegeeltern vieler anderer Kinder, die sie ihre Brüder und Schwestern nannte. Als Familienmitglieder empfand sie alle, neben denen sie auf dem Trampolin sprang und die sich umeinander kümmerten. „Man muss kein leibliches Kind haben, [um über eine mütterliche Intuition zu verfügen]“, sagt Marlin. „Ich habe das bei meinen Eltern mitbekommen, die zwar nicht all ihre Babys selbst auf die Welt gebracht haben, aber uns alle mit aller Liebe dieser Welt großzogen. Ich habe gelernt, dass man auch ohne die Erfahrung einer Geburt ein ausgezeichneter Erziehender oder eine ausgezeichnete Erziehende sein kann... Man muss nicht unbedingt entbinden, sodass Oxytocin seine Wirkung entfalten kann. Die Biologie hat das alles schon im Griff.“

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