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Ich wurde jung zur Witwe – & möchte nie wieder eine feste Beziehung

Als mein Mann starb, schwor ich mir, von jetzt an Single zu bleiben. Nicht aus Trauer – sondern weil ich kein Interesse daran hatte, je wieder eine feste Beziehung zu führen. Meine Ehe war auf eine Art traumatisch gewesen, die mir erst nach ihrem abrupten Ende bewusst wurde, und meine oberste Priorität war es jetzt erstmal, meine vier Kinder in einem nicht-toxischen Umfeld großzuziehen.
Mein Plan, alleinerziehende Mutter zu bleiben, sollte aber nicht heißen, dass ich mich von jetzt an sexuell und emotional zurückhalten würde. Ich hatte schon noch vor, Affären zu haben – lockere, aber befriedigende Kurzzeit-Geschichten. Und wie sich herausstellte, brachte mir diese Entscheidung die gesündesten, wohltuendsten Beziehungen ein, die ich je hatte, weil sie mich von den Beziehungen fernhielt, die ich vorher immer automatisch als „Norm“ akzeptiert hatte. Diese neuen Beziehungen waren nicht monogam. Sie waren queer. Sie waren sexpositiv. Sie umfassten oft mehrere Partner:innen – manchmal gleichzeitig. Sie waren schamlos, transparent, kommunikativ, respekt- und liebevoll, wie ich es vorher nie gekannt hatte. Manchmal waren es Fern-, manchmal Nahbeziehungen. Sie hatten Grenzen, sie waren sicher, befreiend, und auf paradoxe Art gleichzeitig sehr stabil. Und sie fanden immer außerhalb meiner vier Wände statt.
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Nach wenigen Monaten des lockeren Datings verliebte ich mich allerdings. Er lernte meine Kinder kennen und besuchte uns zu Hause. Weil er aber in einem anderen Bundesland wohnte und nur teilweise in meiner Stadt war, fühlte ich mich darin sicher, weil es ja nichts richtig Festes war. Um meinen Wunsch nach Lockerheit zu erfüllen, trafen wir uns nebenbei auch noch mit anderen Leuten und probierten uns nicht-monogam aus. Als er aber in meine Stadt zog, verlagerte sich diese Dynamik – und mir wurde klar: zu einer „normalen“ Beziehung war ich gar nicht fähig. Die Grenzen, die wir zu Beginn gezogen hatten, reichten nicht, und unsere Beziehung wurde immer mehr zu etwas, das ich nicht wollte. Also beendete ich das Ganze ziemlich abrupt. Ich begriff: In einer Beziehung fühlte ich mich nur durch eine „Trennung von Staat und Kirche“ quasi wirklich sicher. Seitdem halte ich meine intimen Beziehungen von meinen Kindern fern.
Von Frauen – insbesondere alleinerziehenden Müttern – wird oft erwartet, dass sie sich Stabilität wünschen, nach dem Motto: „Finde deine:n Partner:in, und dann weg mit den Dating-Apps!“ Viele Frauen fühlen sich in diesen konventionellen Beziehungen aber gar nicht so wohl. Genau deswegen habe ich viele heteronormative Beziehungen im Lockdown zerbrechen sehen. Zahlreiche Frauen sind einfach völlig ausgelaugt davon, gleichzeitig die emotionalen Anforderungen einer Ehe, oft einen Großteil des Haushalts sowie einen festen Job zu jonglieren. 
Davon mal ganz abgesehen sind viele Single-Frauen auch durch vergangene Beziehungen traumatisiert. Zwar wissen wir vielleicht, was wir wollen – und definitiv, was wir nicht mehr wollen –, sind aber womöglich nicht ganz sicher, wie wir darum bitten bzw. wie wir es überhaupt finden sollen.
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Ich jedenfalls weiß an diesem Punkt in meinem Leben, dass ich mir Intimität wünsche. Ich will unterstützt werden. Ich will Sex. Ich will mich aber nicht wieder auf jemanden festlegen, jemanden heiraten, mit jemandem zusammenwohnen oder jemanden auch nur nach Hause bringen und meiner Familie vorstellen. Und ich weiß inzwischen, dass ich das genauso umsetzen kann, selbst wenn ich – als Frau, als Witwe, als Mutter – nie dazu ermutigt wurde, mir all das zu wünschen. 
Natürlich ist es keine neue Erfindung, sich auf Affären oder kurzzeitige Beziehungen mit Menschen zu beschränken, aus denen nicht mehr werden muss als unbedingt nötig. Und trotzdem machen es uns die Erwartungen an Mütter junger Kinder – die Annahme, dass Stabilität für uns automatisch „Langzeitbeziehung“, „Monogamie“ und „Zusammenwohnen“ bedeutet – fast unmöglich, uns über diese gesellschaftlichen Anforderungen hinwegzusetzen und Beziehungen einzugehen, in denen wir uns wirklich wohlfühlen. Das Patriarchat hat uns dazu konditioniert, uns ohne eine feste Partnerschaft „unvollständig“ zu fühlen und uns damit zu vermeintlicher „Sicherheit“ gezwungen – selbst, wenn die sich früher oder später als unzuverlässig und zerbrechlich hinausstellt. Und wenn sich eine Frau weigert, sich dieser erwarteten Ideologie zu unterwerfen, gilt sie oft als „defekt“, als „launisch“, als „beziehungsphobisch“ oder gleich als „Schlampe“.
Und obwohl ich persönlich schon jung geheiratet und Kinder bekommen habe – und auch wiederum jung Witwe wurde –, sind nicht nur Frauen in meiner Situation auf der Suche nach etwas, das für sie besser funktioniert. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel mit Frauen aller Altersklassen und Situationen gesprochen – Single, verheiratet, in Beziehungen oder verwitwet –, die sich sexuell ausprobieren möchten. Viele queere Frauen kommen aus monogamen, heterosexuellen Beziehungen, ohne jemals queeren Sex erlebt zu haben. Viele heterosexuelle Frauen sind sexuell gesehen in ihren besten Jahren, haben aber bisher kaum sexuelle Erfahrungen gemacht. Und viele Frauen versuchen jetzt, ihr Selbstbild von den patriarchalischen Normen zu lösen, die ihr Leben bisher so bestimmt haben.
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Während wir Frauen allmählich anfangen, uns vorzustellen, wer wir sein könnten, machen wir unsere eigene Lust immer mehr zur Priorität und lernen, unseren Wunsch nach nicht-traditionellen Beziehungen ganz offen zu kommunizieren – die übrigens genauso viel, wenn nicht sogar mehr wert sind als feste, monogame Partnerschaften. Wenn es um Beziehungen geht, liegt der Fokus so oft auf der Zeit: Wir schätzen Langzeitpartnerschaften und verurteilen One-Night-Stands. Wir gehen automatisch davon aus, eine große Lovestory sei so viel tiefschürfender als ein Dutzend kurzer, und dass der Weg zum Glück eine:n Partner:in erfordert, mit dem:der wir in guten wie in schlechten Zeiten zusammenbleiben – selbst dann, wenn die schlechten Zeiten so viel schlimmer werden, als wir hätten ahnen können. Dabei schadet uns dieses „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“-Narrativ so sehr. Es flüstert unglücklichen Ehepartner:innen ins Ohr: Zieh’s durch, bleib dran. Es redet uns ein, eine Trennung würde Versagen bedeuten, und dass ein gewisses Opfer halt erbracht werden müsse.
Dabei kann die emotionale Verbindung zu kurzzeitigen Partner:innen tatsächlich so erfüllend sein. Ich möchte sogar behaupten, dass ich an den relativ kurzen Beziehungen seit dem Tod meines Mannes deutlich mehr gewachsen bin als an den 13 Jahren Ehe – weil ich jetzt ehrlich zu mir selbst bin. Ich kann schamlos leben und eigene Grenzen definieren, während ich die gesellschaftlichen Grenzen niederreiße, zwischen denen ich mich nie wohlgefühlt habe.
Das Ziehen dieser Grenzen kann aber auch schwierig sein, wenn du dich in jemanden verliebst – denn im Umgang mit den Leuten, die wir lieben, ist es fast eine Art Instinkt, sie auch in unser Herz und Heim zu lassen. Das hat die Liebe eben so an sich: Als könnte sie dir nur so ihre ganze Stärke beweisen, durchzieht sie plötzlich dein ganzes Leben und versucht, es mit dem deines geliebten Gegenübers zu verschmelzen.
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Das liegt aber auch nur daran, dass wir so unkreativ sind, wenn wir versuchen, uns eine eigene Version unseres Lebens zu erschaffen. Genau darin liegt ja die Schönheit von Kurzzeitbeziehungen, Affären und One-Night-Stands: Wir können einander geben, worauf wir Lust haben, ohne uns zu mehr verpflichten zu müssen. Diese Freiheit kann sich insbesondere nach einer gescheiterten festen Beziehung unheimlich rehabilitierend anfühlen. Sichere Beziehungsräume nach unseren eigenen Vorstellungen zu schaffen, nachdem du jahrelang in schädlichen Beziehungen gefangen warst, verhilft dir zu echtem Wachstum. 
Dass ich mich auf meinen Wunsch eingelassen habe, mit Kurzzeitpartner:innen intim, sogar liebevoll herumzuexperimentieren, die dahingehend auf meiner Wellenlänge sind, war für mich eine augenöffnende Erfahrung. Darüber hinaus fühlt es sich für mich nicht nur wichtig an, mich in Mutter und Liebhaberin aufzuteilen, sondern auch natürlich. Ich kann auf beiden Seiten des Venn-Diagramms bleiben; denn, wie ich aus meiner ehemaligen Fast-Beziehung weiß, fühle ich mich überwältigt, wenn sich beide Seiten des Diagramms überschneiden. Zerrissen zwischen meiner Mutter- und meiner Lover-Seite fällt es mir schwer, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, überfordert von den Bedürfnissen aller Beteiligten. Dabei ist es für mich als alleinerziehende Mutter ein Muss, mich auf das Hier und Jetzt fokussieren zu können. Wenn ich zu Hause bin, gehöre ich meinen Kindern – und weil ich ihr einziges lebendes Elternteil bin, ist es sogar noch wichtiger, für sie da zu sein, meine Tür immer offen stehen zu haben.
Weil ich meine Beziehungen „nach außen verlagert“ habe, behaupten manche vielleicht, mir würde dadurch viel Liebe entgehen. Dabei ist es eigentlich genau das Gegenteil: Zum ersten Mal in meinem Leben tue ich alles aus Liebe: aus Liebe zu meiner Familie, und, noch wichtiger, aus Liebe zu mir selbst. Mit fast 40 Jahren erkenne ich endlich, was ich wirklich will, und wie sich diese Wünsche davon unterscheiden, was von mir erwartet wird. Ich lebe ein Leben, in dem ich mich nur mir selbst und meinen Kindern die Treue schwören möchte – und meine Kinder kann ich auch allein großziehen, unterstützt von den Freund:innen und Verwandten, die schon immer meine echten Lebenspartner:innen waren. 
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Intime Beziehungen nicht zum Zentrum meines Lebens zu machen, ist vielleicht nicht für jede:n eine Option – aber eine, von der ich hoffe, dass sie zukünftig immer gesellschaftsfähiger wird. Nur so können sich immer mehr Leute die (kurz- oder langfristigen) Partner:innen suchen, auf die sie nicht nur stehen, sondern die zusätzlich ihre persönlichen Grenzen respektieren. Erst dann können wir damit aufhören, gesellschaftlichen Normen entsprechen zu wollen – und damit anfangen, uns selbst zu entsprechen.
Und genau das ist wohl die wahre Liebe.
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