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Acne Files

Halt mal – wo ist eigentlich die ganze „Skin Positivity“ hin?

Foto: Audrey Melton.
Wenn du genug Zeit auf Social Media verbringst, verschwindet die Realität irgendwann immer mehr im Hintergrund. Zugunsten von Klicks wird die Wahrheit in beliebige Formen verbogen, und auf Selfies sehen Menschen plötzlich dank Filtern ganz anders aus als in echt. Dann gibt es jeden Tag neue Trend, neue „Äras“, neue „Ästhetiken“ zum Ausprobieren und Wiedervergessen. „Clean Girl“, „Glazed Donut“, „Jello Skin“: Das sind nur einige der beliebtesten Skincare-Trends, die in den letzten Monaten in unseren Feeds kursierten. Und jedem dieser Trends liegt derselbe Wunsch zugrunde: der nach gleichmäßiger, pickelfreier, strahlender Haut.
Noch vor vier Jahren sah die Online-Beauty-Welt völlig anders aus. Immer mehr Creators gingen mit Videos und Fotos viral, in denen ihre Haut so aussah wie die, die dir aus dem Spiegel entgegenschaut: echt. Nicht gefiltert oder durch teure dermatologische Behandlungen „perfektioniert“. Es entstanden ganze Communitys, die Haut mit Akne, Rosacea, Schuppenflechte oder Pigmentflecken feierten. Es gab jede Menge virtuelle Räume, in denen man über die eigene Erfahrung mit der Haut diskutieren konnte. Daraus entstanden häufig auch neue und tiefe Online-Freundschaften. Irgendwann machten sogar diverse Brands mit und entschieden sich für ihre Werbung auf Plakaten oder in sozialen Netzwerken explizit für Models mit Akne. Diese Community – die Bewegung der „Skin Positivity“ – schien so kurz davor zu stehen, ausgrenzende und veraltete Schönheitsideale abzuschaffen.
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Und doch haben wir 2023 immer noch endlos viele Trends, die auf eines abzielen: „clear skin“ – „reine Haut“. Viele Brands produzieren inzwischen kaum noch Werbung, auf der auch nur ein Pickel zu sehen wäre. Aber gehört die Skin Positivity wirklich schon wieder der Vergangenheit an? Haben wir sie abgelegt wie jeden anderen kurzlebigen Trend – oder ist die Bewegung in Wahrheit immer noch aktiv, nur eben im Hintergrund?

Ist Skin Positivity vom Weg abgekommen?

Maia Gray, einer Akne-positiven Influencerin auf Instagram, half es unheimlich, als sie 2020 die Welt der Skin Positivity entdeckte. „Während der Schule wurde ich für meine Haut gemobbt und fühlte mich total unsicher. Ich hatte den Eindruck, mit meiner schmerzhaften, zystischen Akne ganz allein dazustehen. Auch nach der Schule blieb mir diese Unsicherheit erhalten, bis in meine frühen Zwanziger“, erzählt sie. „Dann entdeckte ich aber diese ganze Community, die ähnliche Erlebnisse wie meine online teilte. Ich wusste, dass ich auch einen positiven Unterschied machen wollte!“ Und mit über 130.000 Followern hat es Maia definitiv geschafft, sich als starken Einfluss in der Skin Positivity zu etablieren.
„Bei Skin Positivity geht es nicht darum, dich die ganze Zeit ‚positiv‘ zu fühlen. Sondern darum, kleine Schritte einzuleiten, mit denen du dich in deiner Haut immer wohler fühlst. Du arbeitest darauf hin, die Person zu lieben, die dir im Spiegel entgegenschaut“, erklärt uns Maia. „Hauterkrankungen wie Akne können dir das Gefühl geben, ganz allein zu sein, als seist du die einzige Person mit dieser Haut. Die Skin-Positivity-Bewegung bringt die Leute zusammen, indem sie alle Hauttypen zeigt und feiert – von Akne bis hin zu Narben oder Dehnungsstreifen.“
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Als Maia vor drei Jahren zum ersten Mal online über die Community stolperte, war auch die Beauty-Industrie gerade darauf aufmerksam geworden und reagierte mit filterfreien, ungephotoshoppten Fotos von „normaler“ Haut. Marken wie The Inkey List und Skin Proud posteten Bilder von Models mit Akne, um ihre Produkte zu bewerben.
„Es ist so erfrischend, wenn Beauty-Brands auch Models mit ‚unperfekter‘ Haut zeigen und diese Veränderung auch in den Medien zu sehen ist“, meint die Akne-positive Influencerin Deanna (@deannaskin). „Im Laufe der Zeit werden sich diese Veränderungen weiter durchsetzen. Dann ändern sich auch die klassischen Klischees, die früher überall waren – die Streberin mit Akne, der Bösewicht mit Narben, die Hexe mit Falten.“
Obwohl viele Leute, wie Deanna, auch heute noch an die Bewegung glauben, scheint der anfängliche Enthusiasmus (auch von Seiten der Industrie) doch nachgelassen zu haben. Ein Beispiel dafür ist Hailey Biebers Skincare-Marke Rhode, die seit Beginn ihrer Instagram-Präsenz im Juni 2022 nur ein Foto und ein Video gepostet hat, auf dem jemand mit einem Pickel zu sehen ist. Ein Jahr später besteht der Account ausschließlich aus Bildern von Frauen mit „perfekter“ Haut.
Auch Kim Kardashians Hautpflegemarke Skkn hat kein einziges Foto von jemandem mit aktiver Akne im Instagram-Grid. Hailey Bieber und Kim Kardashian gehören definitiv zu den einflussreichsten Stimmen der Popkultur – und nun auch der Skincare-Welt –, und dennoch scheint keine von ihnen gewillt, gegen die schädliche Verherrlichung „perfekter“ Haut vorzugehen. Dabei entspricht diese Haut natürlich bei Weitem nicht unser aller Realität. „Die Haut ist ein lebendes Organ. Es kommt nur sehr selten vor, dass sie jederzeit komplett pickelfrei ist“, betont auch die Dermatologin Dr. Angela Tewari. In anderen Worten: Endlose Feeds voller Menschen mit makelloser Haut wirken einfach nicht echt.
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„Skin Positivity hat geholfen, hat aber inzwischen einen Punkt erreicht, an dem sie kommerziell stark ausgeschlachtet wurde“, meint die Beauty-Influencerin und Kosmetikerin Alicia Lartey. „Ich glaube, der Begriff bedeutet inzwischen einfach nichts mehr. Jede Brand kann ihn sich aufdrücken und damit irgendwas verkaufen. Dabei fing die Bewegung natürlich ganz anders an. Dazu kommt, dass viele Fotos, die was von ‚Skin Positivity‘ behaupten, meist nur eine Person mit vielleicht einem Pickel zeigen.“ Dieses Zurückrudern – eine Abkehr von den großen Skin-Positivity-Werbekampagnen – wirft eine größere Frage auf: Haben wir uns dazu entschieden, zu den Schönheitsidealen zurückzukehren, die wir vorübergehend abzulegen versuchten… und wenn ja, um welchen Preis?

Der Preis des Vergessens

Diese Hyperaufmerksamkeit, die viele von uns der eigenen Haut inzwischen schenken – zusätzlich befeuert durch den Druck, einen reinen, glatten Teint zu erreichen –, kann sich nachweislich negativ auf unsere Emotionen und unsere mentale Gesundheit auswirken. Die fehlende Repräsentation normaler Haut kann dir nämlich, wie Maia schon erwähnte, das Gefühl vermitteln, du seist die einzige Person auf dem Planeten, die sich mit Akne oder anderen Hautproblemen herumschlägt. „Ich habe immer mehr Patient:innen, die wegen kleiner ‚Makel‘ zur Behandlung vorbeikommen, weil sie sich perfekte Haut wünschen“, bestätigt auch die Dermatologin Dr. Mia Jing Gao. „In einer Kultur, in der das Aussehen so im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, ist es schwer, sich diesem Druck zu entziehen. Das gilt vor allem dann, wenn du im Job mit vielen Menschen zu tun hast.“
Dabei ging es bei Skin Positivity natürlich auch immer um so viel mehr als nur um Repräsentation; nämlich darum, die Leute, die deinen Content anschauen oder deine Produkte kaufen, zu sehen, miteinzubeziehen, zu zelebrieren. Es geht darum, die mentale Gesundheit von Menschen mit Akne, Rosacea oder anderen Hauterkrankungen zu schützen. Skin Positivity sollte nie ein Buzzword sein, eine abgedroschene Phrase, sondern eine soziale Bewegung, die mit ausgrenzenden Schönheitsidealen aufräumt.
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„Es ist aus verschiedenen Gründen entscheidend, eine breite Vielfalt an Hauttypen und -erkrankungen in der Werbung und den Medien darzustellen“, meint die Dermatologin Dr. Jinah Yoo. „Zuallererst fördert das Inklusivität und bekämpft Schönheitsideale, die sich immer eher auf sehr wenige Hauttypen beschränkten. Es hilft Menschen mit anderen Hauttypen dabei, sich repräsentiert und geschätzt zu fühlen, sich selbst zu akzeptieren und mehr Selbstbewusstsein aufzubauen. Noch dazu verbreitet eine diverse Repräsentation wichtiges Wissen zu verschiedenen Hauterkrankungen. Das reduziert wiederum die Stigmatisierung und fördert das Mitgefühl.“
Genau dieses Mitgefühl ist ein Kernbestandteil der Skin-Positivity-Community. Man ist dort gut zueinander – oder sollte es zumindest sein –, und das ist für viele der Reiz. „Skin Positivity klingt vielleicht erstmal ein bisschen schwammig, ein bisschen larifari. Für mich bedeutet es aber, mich nicht selbst zu hassen, mein eigenes Leben nicht zu verpassen, mich nicht als eklig oder schmutzig zu empfinden. Es bedeutet, dass ich mich nicht mehr von anderen verurteilen lasse. Ich fühle mich nämlich jetzt wohler in meiner Haut“, erklärt Lartey.
May (@maythami), eine Beauty-Content-Creator mit insgesamt 641.000 Followern auf Instagram und TikTok, hat vor Kurzem darüber gesprochen, wie sie lernte, sich immer selbstbewusster in ihrer Haut zu fühlen. Sie sagt, es sei eine Art Domino-Effekt gewesen: Leute teilten innerhalb der Community ihre Erfahrungen und sorgten damit dafür, dass auch andere daraufhin besser damit klarkamen, „unperfekte“ Haut zu sehen oder zu haben. Ihr zufolge hat das Ganze aber auch eine Schattenseite. „Ich glaube, dass die Bewegung dabei geholfen hat, Schönheitsideale zu verändern – aber sie kann auch für Hass sorgen. Weil es viele Leute so gewöhnt sind, in der Öffentlichkeit auf bestimmte Art auszusehen, gefällt es ihnen nicht, wenn du ganz stolz das Gegenteil präsentierst. Es wird immer Leute geben, die dazu einen negativen Kommentar schreiben. Die Leute, die unter diesen Kommentaren aber positiv antworten, überwiegen bei Weitem.“
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Was ist „Skin Neutrality“?

Wenn die Skin Positivity also derzeit auf dem absteigenden Ast zu sein scheint, gibt es dann für uns als Gesellschaft vielleicht dennoch ein erreichbares Ziel, auf das wir gemeinsam hinarbeiten könnten? Und könnte das die „Skin Neutrality“ sein?
„Bei der Skin Neutrality geht es darum, das eigene Selbstwertgefühl, die eigene Identität vom Aussehen deiner Haut zu lösen“, erklärt Dr. Yoo. „Dazu entwickelst du eine neutrale Einstellung zu deiner Haut und erkennst an, dass sie nicht deinen Wert als Person definiert. Skin Neutrality ermutigt dazu, das allgemeine Wohlbefinden zu priorisieren und das Aussehen der Haut nicht die mentale Gesundheit beeinflussen zu lassen.“
Im Gegensatz zur Skin Positivity erlaubt es uns die Skin Neutrality also, unsere Haut weniger kritisch zu betrachten und sie jeden Tag einfach zu akzeptieren, ohne damit irgendwelche positiven oder negativen Gefühle zu verbinden. Für Maia hat auch diese Einstellung dieselben positiven Auswirkungen wie Skin Positivity. „Skin Positivity und Skin Neutrality sind beide gleich gut darin, mehr Aufmerksamkeit für Menschen mit Hauterkrankungen zu generieren“, sagt sie. „Und genau das ist unheimlich wichtig. Erst dann sind Veränderungen möglich.“
Das haben beide Bewegungen nämlich gemeinsam: Sie erlauben es Menschen, einfach so zu existieren, wie sie sind, anstatt das unerreichbare Ziel zu verfolgen, wie sie aussehen „sollten“. Und wenn du den Eindruck hast, dass die Skin Positivity oder Neutrality online, in der Werbung oder auf dem Cover von Zeitschriften nachzulassen scheint, tröstet es dich vielleicht zu wissen, dass sie dank Creators und deren Followern online bis heute weiterlebt – vielleicht stärker denn je.
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„Die Skin-Positivity-Bewegung hat Millionen von Menschen in aller Welt dabei geholfen zu verstehen, dass Akne nicht nur Teenager:innen betrifft, nichts mit schlechter Hygiene zu tun hat und sich nicht einfach dadurch ‚heilen‘ lässt, mehr Wasser zu trinken“, betont Maia. „Seit ich 2020 meinen Account gestartet habe, ist mir eine positive Veränderung aufgefallen. Durch meine persönliche harte Arbeit und Mühe habe ich es geschafft, meine eigenen Erfahrungen in den Medien zu teilen – und so einen sicheren Raum für all diejenigen zu schaffen, die sich mit ihrer Haut allein fühlen.“
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