Ich bin in meinen 30ern & Single… und nein, nicht „zu wählerisch“!

Foto: Meg O'Donnell
Es ist Samstagabend und ich sitze meinem Date gegenüber. Cliff – nennen wir ihn doch der Anonymität halber mal so – hat den Abend bisher damit verbracht, mir bei einer Flasche Rotwein an einem Straßenimbiss alle Einzelheiten über seinen Job, seine Freund:innen und Interessen zu erzählen. Währenddessen bemühe ich mich, nicht vor Kälte zu zittern (ach ja, die Freuden des Outdoor-Datings während einer Pandemie). Er ist nett, wirkt interessant und erzählt mir eine ziemlich lustige Anekdote, in der sich alles um ein ABBA-Kostüm, einen schmiedeeisernen Zaun und einen kurzen Ausflug in die Notaufnahme dreht. Als sich der Abend dem Ende zuneigt, kann ich aber nur an Eines denken: Das ist bereits unser drittes Date und Cliff möchte mich heute wahrscheinlich zumindest zum Abschied küssen. Da ich mich aber kein bisschen zu ihm hingezogen fühle, kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen.
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Warum war ich also auf drei Dates mit einem Typen, auf den ich nicht stehe? Die Antwort darauf hat mit einem Phänomen zu tun, womit alleinstehende Frauen seit Jahrzehnten zu kämpfen haben: Ich wollte nicht vor anderen als „zu wählerisch“ dastehen.  
Bestimmte Leute in meinem Leben haben mir immer und immer wieder vorgeworfen, dass ich bei der Partner:innenwahl zu wählerisch sei – und aus irgendeinem unerklärlichen Grund nahm ich mir diesen Kommentar dieses Mal zu Herzen. Erst, als ich auf dem Weg nach Hause war und wegen meines peinlichen Abschieds von Cliff immer noch einen feuerroten Kopf hatte, schwor ich mir, nie wieder auf die kritischen Stimmen anderer zu hören. 
Frauen als zu anspruchsvoll zu bezeichnen, dient seit langer Zeit – länger, als ich mich erinnern kann – dem Zweck, Frauen dazu zu drängen, sich (häuslich) niederzulassen (und zu heiraten). Durch dieses Label wird die Erwartung an dich ausgedrückt, deine Ansprüche doch endlich herunterzuschrauben. Dieser dir verliehene Titel deutet im besten Fall an, dass die idealisierte Person, die du zu treffen hoffst, ein Hirngespinst ist – und im schlimmsten Fall, dass du es dir eigentlich nicht erlauben kannst, hohe Ansprüche zu stellen.
Seit meinem 30. Geburtstag vor zwei Jahren muss ich mich als alleinstehende Frau mit zunehmender Regelmäßigkeit und Nachdrücklichkeit mit dieser Einstellung befassen. Zuerst hatte ich eine Zeit lang eigentlich nichts an dieser Denkweise auszusetzen. Mittlerweile verabscheue ich sie aber. Ich hasse diese Haltung nicht nur, weil sie impliziert, dass die Ehe das ultimative und einzig erstrebenswerte Ziel im Leben sei, sondern auch, weil sie Frauen dazu bringt, sich zu schämen und ihr eigenes Urteilsvermögen in Frage zu stellen. Schlimmstenfalls ermutigt diese Einstellung Frauen dazu, Warnsignale bei potenziellen Partner:innen außer Acht zu lassen.
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Im Endeffekt handelt es sich hier um nichts anderes als eine weitere Form von Gaslighting.
Sukaina Benzakour, 25, kann ein Lied von alldem singen. „Ich aß mit meiner Familie zu Abend, als meine Tante mich fragte, wann ich denn endlich jemanden treffen würde“, erinnert sie sich. „Meine Mutter unterbrach mich in dem Moment und erklärte ihr, wie wählerisch ich doch sei und dass ich nie heiraten würde, wenn ich so anspruchsvoll bliebe. Wenn man mir sagt, ich sei ‚zu wählerisch‘, habe ich das Gefühl, etwas falsch zu machen; als sollte ich mich ändern oder meine Ansprüche senken, damit mich ja jemand mag.“
Da sich das Jahr 2020 für viele von uns wie ein verlorenes Jahr anfühlt, kommt es jetzt vielen auch noch so vor, als müssten sie verlorene Dating-Zeit nachholen. So laufen Frauen mehr denn je Gefahr, negativen Einstellungen zum Opfer zu fallen.
„Mir wurde in der Vergangenheit gesagt, dass ich in Sachen Partner:innenwahl zu hohe Ansprüche hätte. Das nahm ich sehr persönlich und es ging so weit, dass ich irgendwann aufgab und meine Erwartungen herunterschraubte und mich niederließ“, erzählt Model, Schauspielerin und Therapeutin Asha Adutwim, 35. Heute aber bereut sie ihre Entscheidung von damals und rät anderen sogar davon ab, ihrem Beispiel zu folgen. „Du weißt genau, wonach du suchst, wer du bist und was du zu bieten hast. Warum solltest du sich also auf Kosten deiner Zufriedenheit, deines Seelenfriedens und deines Liebesglücks mit Partner:innen zufriedengeben, die nicht deinen Maßstäben entsprechen?“
Wir können uns nicht mit diesem Thema auseinandersetzen, ohne dabei den Elefanten im Zimmer anzusprechen. Mit dem Label „zu wählerisch“ schmeißen jene Personen am häufigsten um sich, deren eigene Beziehungen – so wage ich zu behaupten – so verlockend wie eine Achterbahnfahrt mit einem Kater erscheinen.
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„Ich denke, dass diese wertende Denkweise damit zu tun hat, dass die Leute, die dich als ‚zu anspruchsvoll‘ abstempeln, selbst mit ihren Partnerschaften unzufrieden sind“ , stimmt Catherine*, 33, zu. „Sie ‚suchen‘ sich durchschnittliche Partner:innen und denken, dass alle das Gleiche tun sollten. Früher habe ich mich deswegen ständig gefragt, ob ich vielleicht tatsächlich zu hohe Ansprüche habe und etwas daran ändern sollte. Ich habe nun schon einige Beziehungen hinter mir, die nicht gut gelaufen sind. Im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass ich lieber ein bisschen länger warte, als mich mit Partner:innen zufriedenzugeben, die nicht meine Erwartungen erfüllen.“
Es kann kein Zufall sein, dass viele dieser Personen, die Frauen als zu wählerisch bezeichnen, noch nie in den Genuss des modernen Datings gekommen sind, sagt Jessica*, 33. „Die, die mich ‚wählerisch‘ nennen, haben ihre Partner:innen auch mit Anfang 20 kennengelernt. Sie können nicht nachvollziehen, warum es heutzutage so schwer ist, jemanden zu finden. Sie haben keine Erfahrung mit Dating-Apps und keine Ahnung davon, wie sehr sich das Daten dadurch verändert hat.“
Die Frage ist jetzt also: Wie kannst du in einer Welt, die Paare begünstigt und in der Romantik so eine wichtige Rolle spielt, dir und deinen Standards treu bleiben und dich ein für alle Mal von den Fesseln des Labels „zu anspruchsvoll“ befreien?
Zuerst solltest du dir noch einmal in Erinnerung rufen, dass es sich beim Sich-Niederlassen und Kompromisse-Eingehen um zwei verschiedene Paar Schuhe handelt. Ersteres beruht auf Angst, Letzteres auf Großzügigkeit. Beim Swipen entscheidet hauptsächlich das Aussehen, ob du einer Person eine Chance gibst oder nicht. So ist die Wahrscheinlichkeit groß, dir potenziell wirklich großartige Partner:innen durch die Lappen gehen zu lassen. Nichtsdestotrotz bedeutet das nicht, dass du dich durch drei Dates mit einer Person quälen solltest, zu der du dich überhaupt nicht hingezogen fühlst, nur weil deine Freund:innen finden, dass er oder sie ‚etwas für dich wäre‘.
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Wenn wir schon beim Thema „nett“ sind: Tapp ja nicht in diese Falle – vor allem, wenn du Männer datest. Nur, weil jemand ein „netter Mensch“ ist, musst du deshalb nicht den Rest deines Lebens mit dieser Person verbringen. Wir wurden gesellschaftlich dazu konditioniert, zu glauben, dass Männer mehr als nur unsere Höflichkeit verdienen, wenn sie sich uns gegenüber freundlich verhalten. Das ist aber kompletter Unsinn. Ein:e nette:r Partner:in wird dir nicht ausreichen, wenn du traurig bist, einen Verlust überstehen musst oder von Verzweiflung geplagt wirst. Freundlichkeit allein wird dir sicherlich auch nicht genügen, um deinen jahrzehntelangen Ruhestand durchzustehen (wem mache ich hier eigentlich etwas vor? Bis dahin werden wir alle arbeiten, bis wir 93 sind).
Die Leute, die dir vorwerfen, zu hohe Ansprüche bei der Partner:innenwahl zu haben, versuchen dich quasi davon zu überzeugen, in ein Auto zu investieren, das in 36 Prozent der Fälle kaputtgeht. Ist es wirklich so verrückt, diesen Rat nicht dankend abzulehnen? Vergiss auch nicht, dass diese Menschen oft auch diejenigen sind, die mit Haut und Haar an gesellschaftlichen Idealen hängen, die für viele von uns mittlerweile unvereinbar mit unseren Wertvorstellungen sind und deshalb einfach keinen Platz mehr in unserem Leben haben.
Unabhängig davon, ob du nun an ein „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ glaubst oder nicht, gibt es eine Sache, die unbestreitbar ist und an die du dich halten solltest, wenn du wieder mal als „zu anspruchsvoll“ abgestempelt wirst – vor allem dann, wenn du jemand bist, dem es wichtig ist, es allen recht zu machen.
Wie sagt Glennon Doyle in ihren feministischen Memoiren Untamed doch so schön: „So etwas wie einseitige Befreiung gibt es nicht.“ Wenn du deine Ansprüche herabsetzt und dich mit einer Beziehung zufriedengibst, die nicht zu dir passt, verurteilst du letzten Endes die andere Person dazu, das Gleiche zu tun.
*Namen wurden von der Redaktion geändert.

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