Streit-Alarm: So verschaffst du dir Gehör

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Stell dir vor, du bist mit deinem Partner oder deiner Partnerin zum Abendessen bei Freund:innen eingeladen. Wie immer verspätet sich deine bessere Hälfte und benachrichtigt dich wie gewöhnlich auch nicht. Du bist sauer und machst dir Sorgen. Als er oder sie dann endlich erscheint, explodierst du. „Jedes Mal kommst du zu spät und dann gibst du mir nicht einmal Bescheid!“ Während diese Aussagen wahr sind, gibt es einen besseren Weg, deinem Frust Luft zu machen und dir Gehör bei deinem Partner oder deiner Partnerin zu verschaffen.
Oft schlagen Therapeut:innen vor, deine Aussagen in der Ich- statt der Du-Form zu formulieren. Anstelle von „Du gehst mir so auf die Nerven damit, dass du nie pünktlich sein kannst“ könntest du Folgendes sagen: „Es nervt und ärgert mich, wenn ich auf dich warte und mir den Kopf darüber zerbreche, wo du steckst.“ Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, als ginge es hier nur um Semantik. Diese Taktik kann aber Kommunikation wesentlich effektiver machen – sogar schwierige Gespräche.
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Ich-Aussagen können sich sowohl für Zuhörer:innen als auch Sprecher:innen als hilfreich erweisen, so Vera Eck, eine Imago-Therapeutin. „Mit Sätzen aus der Ich-Perspektive zeigen Sprecher:innen, dass sie die volle Verantwortung für ihre Gedanken, Gefühle und/oder Handlungen übernehmen“, erklärt Eck. Anstatt ihr Gegenüber zu beschuldigen, lenken sie so die Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Gedanken und Gefühle, sagt sie.
Im Allgemeinen ist dein Gegenüber empfänglicher für Information darüber, wie du dich fühlst, als die Schuld oder Kritik für etwas auf sich nehmen zu müssen, das sie angeblich getan haben – so kann eine Du-Aussage nämlich schnell einmal rüberkommen. Natürlich kann deine bessere Hälfte etwas dafür, dass sie ständig zu spät zu Verabredungen erscheint. Dafür, dass dich ihr Zuspätkommen beunruhigt, ist sie aber nicht verantwortlich. Wenn dein Partner oder deine Partnerin eine Aussage aus der Ich-Perspektive hört, ist er oder sie vielleicht eher in der Lage nachzuempfinden, dass du dir Sorgen machst. Auf diese Weise legst du nämlich den Schwerpunkt auf ein weniger heikles Thema.
Im Alltag ist es aber nicht immer möglich, während deiner Gespräche mit deiner besseren Hälfte innezuhalten. In einem solchen Moment ist es schwierig, darüber nachzudenken, wie du deine Frustration sorgfältig ausdrücken und in Form einer Ich-Aussage umformulieren kannst. Es zahlt sich aber aus, es zu versuchen. Das ist dann besonders der Fall, wenn du einen bedeutenden oder anhaltenden Stressfaktor in deiner Beziehung ansprichst – wie das ständige Zuspätkommen deines Gegenübers. Eine Du-Aussage kann eine Kampf- oder Fluchtreaktion auslösen, während ein Satz aus der Ich-Perspektive Reaktionen im Zaum halten kann, sagt Eck. „Zu den produktivsten Gesprächen kommt es dann, wenn beide Beteiligten ruhig und damit in ihrem rationalen, präfrontalen Kortex bleiben können“, meint sie. So können wir das Feedback der anderen Person wirklich aufnehmen und verinnerlichen, anstatt uns in einer Abwehrhaltung zu verfangen.
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Wann immer es dir nicht gelingen sollte, deine Gefühle in Form einer Ich-Aussage zu verpacken, solltest du dir wieder vor Augen führen, was für eine wichtige Rolle der Ton beim Kommunizieren spielt, sagt Dr. David Ludden, ein Psychologieprofessor, der sich auf die Psychologie der Sprache konzentriert. „Ich bin der Meinung, dass der Tonfall viel mehr Gewicht als die tatsächlichen Worte hat“, sagt er. „Wenn du dich nicht auf neutrale oder freundliche Weise ausdrücken kannst, wirst du es nicht schaffen, dir Gehör zu verschaffen.“ Das soll nicht heißen, dass du dich nicht prinzipiell streng oder wütend geben darfst, denn manchmal ist das einfach wirklich nötig. Es bedeutet, dass du besser abschneidest, wenn du darüber nachdenkst, wie du was genau sagen wirst.
Glaub jetzt aber nicht, dass du eine Beleidigung in einer Ich-Aussage verpacken kannst und dir so deine Frustration von der Seele reden kannst. Eck zufolge komme es vor, dass Menschen die Ich-Perspektive als trojanisches Pferd missbrauchen, indem sie Dinge sagen wie: „Ich habe das Gefühl, dass du dich wirklich rücksichtslos verhältst, wann immer du spät dran bist und vergisst, mir eine SMS zu schicken.“ In diesem Fall ist das „Ich“ nur ein Türchen für eine Du-Beschwerde. „Sprecher:innen machen zwar eine Ich-Aussage, der Inhalt ist aber weiterhin kritisch und angreifend“, sagt sie.
Wenn es dir in der Hitze des Gefechts oder bei einem schwierigen Thema schwerfällt, das, was du sagen willst, als Ich-Aussage auszudrücken, solltest du dich stattdessen auf deinen Tonfall konzentrieren. Sprich das Verhalten deines Gegenübers auf sanfte Weise an und erkläre mit ruhiger Stimme, was es bei dir gefühlsmäßig auslöst, empfiehlt Eck. Alternativ dazu kannst du auch Du-Sätze verwenden, um Interesse und Neugier an der Sichtweise deines Partners zu zeigen, wie zum Beispiel: „Was denkst du darüber? Erzähl mir mehr über deine Erfahrungen.“ Wenn dir auch das nicht leicht von der Zunge geht, solltest du versuchen, dich daran zu erinnern, dass „niemand Kontrolle über deine Emotionen hat – außer du selbst“, sagt Dr. Ludden. Mit anderen Worten: Wenn du also sagst: „Du hast mich wütend gemacht“, entspricht das einfach nicht der Wahrheit.

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